Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Nicolò Machiavelli


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Februar 2026

Nicolò Machiavelli: Der Fürst (1513)

Erfolg ist das Maß aller Dinge. Erfolg rechtfertig alles, auch die moralisch fragwürdigsten Methoden, schon deshalb, weil nach dem Triumph niemand mehr frag, wie er zustande kam. Am erfolgreichsten aber ist, wer die Techniken der Gewalt und der Hinterlist am virtuosesten beherrscht, jeweils zur rechten Zeit und in der passenden Situation. … Der Staat hat nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, individuelle Existenzen zu vernichten, wenn es seiner Größe und Stärke dient.

Ziel des Staates ist nicht der Friede, sondern der Krieg. Krieg allein macht eine gute Ordnung im Inneren möglich. Sie besteht darin dass Volk und einflußreiche Persönlichkeiten in dauernder Konkurrenz leben; durch diese Reibungsfläche wird eine Energie erzeugt, die sich in erfolgreiche Expansion umwandeln lässt. …

Der höchste Ruhm der Republik besteht darin, andere Staaten zu erobern. Dabei sind alle die Methoden der Gewalt und der Unterdrückung geboten, die sämtliche Theologen und Philosophen bislang als unmoralisch angeprangert haben. So muss eine Republik, die eine andere Republik erobert hat, die unterworfene Führungsschicht auslöschen; reicht das nicht aus, um das besiegte Gebiet zu befrieden, werden ganze Völkerschaften zwangsdeportiert. … Der Zweck heiligt die Mittel. …

Der vollendete Politiker muss nicht nur skrupellos vorgehen, sondern auch betrügen und Verträge brechen können. Ja, er muss geradezu Löwe und Fuchs in einer Person sein. Das heißt, er muss täuschen, was das Zeug hält: Der Eroberer in spe muss denjenigen, die er unterwerfen will, Freundschaft und Solidarität vorgaukeln und sie durch diese Beteuerungen guter Gesinnung zu Bundegenossen machen, um danach die Schlinge der Unterjochung allmählich zuzuziehen. Umgekehrt ist der Mächtige, der sich an sein einmal gegebenes Wort hält, verloren, denn er hat die Freiheit zu täuschen verloren. Das ist deshalb fatal, weil die Menschen betrogen werden wollen. …

Moral und Politik sind absolute Gegensätze. Der Fürst, der milde sein möchte, wie es die Kirche … vorschreibt, und daher in seinem Herrschaftsgebiet den Reichen und Mächtigen die Zügel schießen lässt, ist in Wirklichkeit grausam, weil die kleinen Leute die Zeche für seine Schwäche zahlen müssen. Unter dem Strich steht also eine Umwertung aller Werte.

In der Politik erweisen sich die Regeln der verbürgten Moral nicht nur als untauglich, sondern geradezu als kontraproduktiv. … Alle soziale und politische Ordnung beruht ursprünglich auf Willkür, Ausbeutung und systematischer Irreführung. …

Wer verstanden hat, wie die Macht gewonnen und ausgeübt wird, kann dieses Wissen zu Zwecken des Umsturzes verwenden.


Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München: C. H. Beck, 2014, S. 11f.



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