Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Juri Andruchowytsch


Juri Andruchowytsch, Foto Tadeusz Rolke.

Juli 2022

Juri Andruchowytsch:
[Die Ukraine. Eine Innenansicht.]

In den letzten Jahren stellen mir polnische Freunde immer wieder Fragen, die auf den Komplex der ukrainischen Geographie« zielen: Wie tief ist die Teilung der Ukraine in West und Ost? Kann man angesichts einer solchen Teilung von zwei Ukrainen sprechen? Ob ich in naher Zukunft nicht mit einer noch radikaleren Teilung rechne, welche die Staats­grenze am Dnipro oder gar am Sbrutsch festlegt? … Das erinnert an eine Lieblingsvorstellung der amerikanischen Sowjetologie, wonach der Zerfall der So­wjetunion notwendigerweise auch den Zerfall der Ukraine nach sich ziehen müßte, deren östlicher Teil (der Großteil des Staatsgebiets) entweder ein Satellit Rußlands werden oder völlig in ihm aufgehen sollte, während aus dem westlichen Teil eine Art ewiges und nicht gerade gemütliches Vorzim­mer des neuen Europa werden würde, das vor allem billige Arbeitskräfte in die benachbarten, westlicheren und glück­licheren Länder zu liefern bitte.

Es ist bezeichnend, daß eine solche Perspektive sowohl dem ewigen Gegenspieler Amerikas, Rußland, wie auch un­seren westlicheren, glücklicheren Nachbarn gefallen könnte.

Mir behagt eine solche Perspektive ganz und gar nicht, und ich finde, ich habe das Recht, dagegen zu opponieren. …

1

Die Grundvoraussetzung jeder Konzeption von mindestens „zwei Ukrainen“ ist ohne Zweifel die Geschichte - die Ge­schichte des Jahrtausends wie die Geschichte der letzten Jahrzehnte. »Die Geschichte hat es so gefügt« - mit diesem Ausspruch, der alles erklären soll, operiert man bei uns er­staunlich häufig, eine Waffe in polemischen Duellen, wobei es bezeichnenderweise die Nichthistoriker sind, die sich ih­rer bedienen.

Die Geschichte hat es gefügt, daß zwischen dem Osten und dem Westen der Ukraine wesentliche Unterschiede be­stehen. Sie sind so wichtig, daß man von einem fast katastro­phalen Auseinanderdriften in den Grundfragen des öffent­lich-staatlichen Lebens sprechen muß.

Erstens der Grad des Nationalbewußtseins - Hypertro­phie im Westen, Atrophie im Osten. Zweitens die sich daraus ergebende sprachliche Trennung (einem bis heute gängigen Stereotyp zufolge spricht der Westen ukrainisch, während der Osten generell zweisprachig ist mit Russisch in den Städten und einem russisch-ukrainischen Gemisch, dem »Surshyk«, auf dem Land). Drittens eine ideologische 'Trennung in den antikommunistischen Westen und den kommunistischen oder »kommunisierten« Osten. Man könnte die Auf­zählung dieser Divergenzen, um es milde auszudrücken, in masochistischer Selbstvergessenheit noch weiter treiben, auch wenn das bereits Aufgezählte für eine Explosion von ungeahnter Wucht vollkommen ausreicht. Bedenkt man diese Antagonismen mit nüchternem Verstand, kommt nun zu dem Ergebnis, daß ein mit so explosiver Ladung gespicktes Staatsgebilde keine fünf Minuten länger existieren wird.

Aber irgendwie kommt es dann doch nie zu dem prognostizierten Ausbruch. Liegt es vielleicht daran, daß die Ukraine überhaupt »nicht explosiv« ist? Oder hat es die Geschichte gefügt, daß in diesem Land, wie Gogol vor hun­dertundfünzig Jahren an Maksymowytsch schrieb, einfach „nichts passiert“?

Als Gegengewicht zur Desintegration muß es schließlich verbindende Realien geben, die auch die präzisesten Analyti­ker häufig vergessen oder einfach nicht kennen. Diese ver­bindenden Faktoren basieren darauf, daß dieses Land seit nunmehr sechzig Jahren (die Zeit des Zweiten Weltkriegs ausgenommen) einen geschlossenen Organismus bildet, ganz gleich ob man diesen als Sowjetrepublik, Kolonie oder staatsähnlichcs Gebilde bezeichnet. Im Lauf dieser Zeit mußte notwendigerweise viel Gemeinsames entstehen -- so auch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Nation, das sich während des Referendums vom Dezember 1991 deutlich manifestierte (obwohl das Ja, wie man heute erklärt, für den bewußten Westen und den nicht bewußten Osten etwas ganz anderes bedeutete: Die einen hätten die Unabhängigkeit als ideelle Größe verstanden, die anderen als materiellen Wohlstand).

Das Leben selbst verbindet, die Lebensweise, besser die Art und Weise und die Umstände des Überlebens und die da­mit verbundenen Besonderheiten in der Mentalität. Sowohl die extrem russifizierten Bewohner des Donbas als auch die Bürger des extrem nationalistischen Galizien zahlen annähernd die gleichen Schmiergelder für die gleichen Dinge an die Behörden, trinken Schnaps mehr oder weniger gleicher Qualität mit mehr oder weniger gleichen Folgen, hören die gleiche gräßliche Musik russischen Ursprungs, schleppen die gleichen Marktwaren in den gleichen abgrundtiefen karierten Taschen und tragen von Oktober bis April die gleichen Kaninchenfellmützen, erklären sich das Dasein mit Hilfe derselben Klischees, und vor allem fiebern sie mit gleicher Begeisterung für die Kiewer Mannschaft »Dynamo« wie auch die Nationalmannschaft der Ukraine (ein Faktor, der in den letzten fünf Jahren fast das einzige positive verbindende Moment darstellte).

Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten würde ich noch weiter gehen: sowohl der »antikommunistische« Westen als auch der »kommunistisch gemachte« Osten verhalten sich bei den Wahlen völlig identisch; man wählt Politiker ein- und dessel­ben 'Typs, die einander in ihrem Äußeren, in ihrer Art zu den­ken, sich zu benehmen und Phrasen zu dreschen ähnlich sind, auch wenn sie scheinbar verschiedenen, oftmals antago­nistischen Gruppierungen angehören; letztendlich erweist sich aber genau das, die politische Orientierung, als unwe­sentlich. Wesentlich ist etwas anderes: der Kampf um Ein­fluß, Vermögen, Öl, Gas, Wald, Aktienpakete, Datschas, Wohnungen, Autos - und ausländische Bankkonten in (zu­mindest aus der Sicht des ukrainischen Durchschnittswäh­lers) märchenhafter Höhe.

Der angebliche »Graben zwischen dem Westen und dem Osten der Ukraine« ist für mich ein totaler Anachronismus. Es gibt weitaus mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Die Ukraine ist wirklich ein einziges Land anders als die Türkei, als Polen und sogar Rußland.

Aber wie verschieden ist das eine Land zugleich!

2

Will man sich in die Gründe und Erscheinungsformen dieser Verschiedenheit vertiefen, so muß man ab ovo anfangen.

Die Frage nach dem Warum dieser von der Geschichte gefügten Teilung verdient eine genauere Betrachtung. War­um Ost und West und nicht etwa Nord und Süd, wie es, mit Verlaub, für ein beliebiges Amerika normal ist?

Die Präsenz polnischer (die Rzecz Pospolita) und russi­scher (das Moskauer Zarenreich) Machtfaktoren in der Ukraine im 16. und 17. Jahrhundert führte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einer ersten 'Teilung in eine rechtsufrige und eine linksufrige Ukraine. Der Dnipro er­wies sich als natürliche Grenze, und diese ganze Intrige wurde um das türkisch-tatarische Element bereichert, ein zu­sätzlicher Machtfaktor, der Ansprüche auf den Süden geltend machen wollte. Diese Konstellation hätte nicht nur »zwei Ukrainen«, sondern mindestens drei, einschließlich einer muslimischen entstehen lassen und damit den Grund für weit größere Unterschiede legen können. Aufgrund des Zerfalls der Rzecz Pospolita und nachdem die rechtsufrige Ukraine zu Rußland und nur Galizien, die Bukowina und Transkar­patien zu Osterreich gekommen waren, verlor diese Teilung am Dnipro schon hundert Jahre später, Ende des 18.Jahr­hunderts, ihre Aktualität, und dank der Eroberung des tata­rischen Krimstaates durch die Russen verschwand auch der türkisch-tatarische Faktor von der Bildfläche.

Dagegen tauchte der österreichische und später der öster­reichisch-ungarische auf, und die Teilungsgrenze der Ukrai­ne verschob sich weiter nach Westen.

Die nationale und sprachliche Identität der Westukraine wird häufig nur mit diesem österreichisch-ungarischen Faktor erklärt. Angeblich habe Rußland nämlich im Osten zerstört und russifiziert, während das gute alte Österreich im Westen half und forderte. Das kann allerdings die gewaltigen regionalen Unterschiede innerhalb des ukrainischen Westens nicht hinreichend erklären. Dieser ist längst nicht so homo­gen, wie es sich aus der fernen Perspektive von Donezk oder Kiew ausnehmen mag. Weshalb war das nationale Selbstbe­wußtsein im erzukrainischen Galizien, im »marginalen« Transkarpatien, ganz zu schweigen vom Niemandsland der Bukowina so unterschiedlich stark ausgeprägt (was bis heute deutlich zu spüren ist)? Spielt dabei womöglich der Umstand eine Rolle, daß die österreichisch-ungarische Ver­waltung in Galizien zugleich polnisch war? Zumindest in dieser Region dominierten die Polen. Sind sämtliche Unter­schiede demnach auf den polnischen Faktor zurückzufüh­ren? Oder eher auf einen antipolnischen? Angenommen, die polnische Verwaltung wäre zur autochthonen Bevölke­rung so brutal gewesen, daß die Ukrainer in Galizien ein weitaus radikaleres Nationalbewußtsein entwickelt hätten als die transkarpatischen Ruthenen unter der ungarischen und später tschechoslowakischen und die Einwohner der Bukowina unter der deutsch-österreichischen und später ru­mänischen Verwaltung. Kann es sein, daß die galizischen Ukrainer ihr Nationalbewußtsein in Wirklichkeit von den Polen gelernt haben? Oder - auch das wollen wir nicht aus­schließen - daß sie von den Polen dazu gezwungen wurden?

So verhält es sich zumindest im Fall von Wolhynien, das niemals von Osterreich-Ungarn beherrscht wurde, in der Zwischenkriegszeit jedoch zu Polen gehörte wie Galizien, dem es in der Ausprägung eines nationalen Selbstbewußt­seins nur wenig nachsteht.

Jedes Land scheint sein Bayern, seine extrem konservative und extrem traditionelle Region zu brauchen. In der Ukraine ist das Galizien, keineswegs der gesamte Westen, sondern nur ein 'Teil davon, unser hiesiges Piemont, wie man 1918 sagte, ein Gebiet, das nach der heutigen administrativen Gliede­rung lediglich aus drei Regionen besteht, dafür aber unzäh­lige Schewtschenko-Denkmäler, bestickte Handtücher und Servietten, eine lachhafte Liebe zu den Kosaken, einen unbe­lehrbaren, mit der kommunistisch-sozialistischen Idee der sozialen Gerechtigkeit symbiotisch verwachsenen Staatspa­triotismus und eine auf Brauchtum und Kult gründende tiefe Religiosität sein eigen nennen darf. Letztere hat auch ihre Kehrseite - ein angespanntes und sogar feindliches Verhält­nis zwischen den Konfessionen, vor allem der Griechisch-­Katholischen Kirche und den beiden Flügeln der Orthodoxie - ein Faktor, der sogar diese kleine galizische Einheit im na­tionalen Selbstbewußtsein ruiniert und deformiert. »Denn für den Ukrainer ist die Zahl der bestickten Handtücher in seiner Kirche wichtiger als die Bergpredigt« diese Worte des Dichters Rostyslaw Martofljak aus meinem Roman »Re­kreation« treffen vor allem auf die Galizier zu.

Galizien steht der an Fläche, Einwohnerzahl und wirt­schaftlicher Kapazität unvergleichlich größere und ganz rus­sifizierte Osten und Süden entgegen«. Das sind die Weiten jenes gleichsam metaphysischen Raums, der aus der Ge­schichte wie dem Lesebuch als das »wilde Feld« bekannt ist, die Steppe, wohin die Ukrainer im Mittelalter vor Unfreiheit, Verachtung, Ausbeutung, religiösen Schikanen, vor allem aber vor sich selbst flohen. Die seßhafte und verwurzelte ei­gentliche ukrainische Seinsweise wurde von einer anar­chisch-chaotischen Ungebundenheit und dem Syndrom der blauen Rolldistel abgelöst, jenes seltsamen Steppengewäch­ses, das die Winde von einem Ende dieser unermeßlichen und schon sehr eurasischen Welt ans andere treiben.

Dessen extremster Teil ist und bleibt der Donbas, das Do­nezkbecken, der östlichste Winkel der Ukraine - der proletarische, industrielle, rote Donbas, der Donbas-Hegemon, um auf eine bis vor kurzem gültige 'Terminologie zurückzugrei­fen. Leider haben diese Epitheta (wenn auch mit eher sarka­stischem Beiklang) ihre Aktualität bis heute nicht eingebüßt. Eine Reise in diese Gegend gleicht, wie viele Zeugen bestätigen, einer Reise in die Vergangenheit, mehr noch, in eine katastrophal ruinierte und verwahrloste Vergangenheit, die von keiner Zukunft abgelöst wird. Heute glaubt längst niemand mehr, daß diese Zukunft einmal kommen wird. Elemente eines neuen Designs, in europäischen Farben frisch ge­tünchte Fassaden alter Stadthäuser, nette Cafés und kleine Restaurants, private Läden mit exotischen Waren - all das, was in anderen Regionen, vor allem im Westen oder in Kiew, die Folgen einer gescheiterten Reformpolitik zumindest ansatzweise ausgleicht, findet man im Donbas nicht. Es gibt nur Ruinen und die felsenfeste Überzeugung, daß man mit der Sowjetunion wenn schon nicht den Himmel auf Erden, so doch das »normale Leben« eingebüßt habe. Da gibt es nur einen Ausweg: die Kommunisten zu wählen, die verspre­chen, dieses normale Leben wiederherzustellen, sobald sie an der Macht sind.

Die nationale Idee hat im Donbas kaum Grundlagen. Ein Soziologe bestätigt, daß der Donbas ein Land der Umsied­ler ist und die Mehrheit seiner Bewohner dort erst in sowje­tischer Zeit Fuß gefaßt hat. Eine vorsowjetische Geschichte des Donbas in Erzählungen und Legenden der Folklore gibt es so gut wie gar nicht. Und für viele, die dort leben, scheint die Verbindung von Donbas - Kohle - Sowjetmacht, natur­gegeben und unauflöslich - und allein möglich, wie ich hin­zufügen möchte.

Die Stereotypen, von denen sich das Alltagsbewußtsein nährt, spiegeln sich in einer Anekdote, die mir mein Freund Wiktor Neborak berichtet hat. Anfang der achtziger Jahre wurde er, schon ein junger Lvriker, aber noch kein Bubabist, in den Donbas geschickt, um in einer Bergbauhochschule (!) Ukrainisch (!) zu unterrichten. Genosse Lehrer, sagte einer seiner Schüler, denn so redeten sie ihn damals an, Genosse Lehrer, bringen Sie uns nicht Ihre Sprache bei. Die Ukraine ist hier, und euer Bandera-Land, das sind die Polen. Die über­wältigende Mehrheit dort denkt auch heute noch so. Dabei sind sowohl Ukraine wie auch Bandera-Land geographische Begriffe, die völlig unterschiedliche und weit von­einander entfernte Provinzen bezeichnen.

Der Donbas ist nicht weniger konservativ als Galizien, nur handelt es sich um einen anderen, proletarischen und - ent­sprechend den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Zeit - lumpenproletarischen Konservativismus.

Zwischen Galizien und dem Donbas, diesen beiden Polen des Konservativismus, liegt der Rest der Ukraine mit ih­rem eher trägen Zentrum. Die Trägheit nimmt zu, je weiter man von Westen nach Osten kommt. Oder eher umgekehrt - sie breitet sich schleichend von Osten nach Westen aus, um das Land mit Enttäuschung, Gleichgültigkeit, Apathie und einem prorussischen Weltanschauungswirrwarr zu überzie­hen.

»Sie wollen uns schlucken!« sagte mir unlängst ein wenig bekannter junger Galizier, nicht der allerklügste. »Sie sind uns zahlenmäßig überlegen, wir müssen uns abgrenzen, denn sie schlucken uns! Die Kroaten haben das begriffen, wann werden wir es begreifen?«

Rein äußerlich wirkte er überhaupt nicht wie der Vertreter der orangen Alternative. Wenn schon nicht Agent, so mußte er überzeugter Separatist sein.

3

Von Separatismus spricht man in der Ukraine mindestens seit der Unabhängigkeitserklärung, wenn nicht noch länger. Be­sonders in Rußland war man der Ansicht, daß sich zunächst die Krim, dann selbstverständlich auch andere Regionen im Osten und Süden von der unabhängigen Ukraine abspalten würden. Mit einer hundertprozentigen Loyalität zum neuen Staat konnte man eigentlich nur im Westen und in der admi­nistrativen Hauptstadt Kiew rechnen. In allen anderen Ge­bieten sah die Sache viel zweideutiger aus, und fahrende Emissäre der »heiligen slawischen Einheit« sahen durchaus Chancen im Kampf um Charkiw, Poltawa, Dnipropetrowsk oder auch Winnvzja.

Am häufigsten aber war von zwei separatistischen Projek­ten die Rede: dem Donbas-Projekt (der sog. Republik Don­bas-Kriworih) bestehend aus den Gebieten Luhansk, Do­nezk, zum Teil auch Charkiw und Dniproperowsk, und dem Projekt von Noworossija (nach der noch aus zaristi­scher Zeit stammenden Bezeichnung für die Neurussischen Gouvernements), den Gebieten Odessa, Mvkolaiw, Cher­son, Saporishja und der Krim. Diese Projekte stützten sich darauf, daß in beiden Regionen das ukrainische Bewußtsein so gering wie die Unzufriedenheit mit den Veränderungen groß war, mit dieser ganzen Unabhängigkeit«, in der man nichts als eine Intrige käuflicher Bandera-Anhänger und um­gefärbter Kiewer Bürokraten sah.

Bis heute jedoch ist es zu keiner Abspaltung gekommen, und vorläufig wurden noch keine Arbeiter- und Bauernrepu­bliken von Donbas oder Noworossija gegründet. Statt des­sen geschah etwas meiner Meinung nach weit Schlimmeres: sie sind im Staatsverband der Ukraine verblieben und bestimmen dort de facto die gesellschaftspolitische Situation. Denn diese Regionen weisen die höchste Bevölkerungs­dichte der Ukraine auf (die rote Delegation nur des Gebiets von Donezk ist im Parlament zahlenmäßig stärker als die Abgeordneten aller drei Gebiete „mit dem höchsten Be­wußtsein“ zusammen. Ebenso entfaltet diese Region die höchste Aktivität (im Sinne permanenter Unzufriedenheit mit dem Status quo) zur Zeit der Wahlen.

Es gibt Grund zu der Annahme, daß der Präsident wie auch die Mehrheit des ukrainischen Parlaments jedesmal im Osten und Süden gewählt wird. Galizien kann man bei den Hochrechnungen während der Wahlen vernachlässigen - für die Ukraine als Ganze ist Galizien nicht ausschlaggebend.

Diese schwierige Erkenntnis setzte sich bei vielen Galizianern nicht gleich durch. Aber schon 1994 wurden in Lwiw Stimmen laut, die sagten: Wie national bewußt, politisch reif, pro-europäisch und antikommunistisch wir auch sein mö­gen, aus rein arithmetischen Gründen werden wir immer im Rahmen eines anachronistischen, sowjet-kommunistischen Staatsgebildes agieren müssen. Ein Teufelskreis? Schicksal? Ein unvermeidliches Übel, mit dem man sich im Namen der territorialen Einheit des Staates abzufinden hat? Und wenn man damit Schluß machen und sich abspalten würde? Denn sie schlucken uns! Sie sind mehr!

So reifte - dies ist eine der größten Paradoxien der jüngsten ukrainischen Geschichte! - gleich nach Erlangung der Unabhängigkeit ein separatistisches Projekt heran, nennen wir es das galizische. Da unter seinen Anhängern junge Leute überwiegen, die noch dazu aus einem der Bohème nahestehenden Milieu kommen, gibt es Gründe, dieses Phänomen als orange Alternative zu bezeichnen. „Jenseits des Sbrutsch gibt es für uns kein Vaterland“, „Wien ist näher als Kiew“, „Der Westen ist der Westen und der Osten der Osten“ - diese Maximen, wenn auch weniger pathetisch als ironisch vorge­tragen, funktionieren als Erkennungszeichen für die eigenen Leute und damit auch als Elemente eines neuen, ziemlich ris­kanten und deshalb faszinierenden Spiels. Bis aus Worten konkrete Taten werden, ist es noch weit.

Womit aber beginnen? Eine Volksabstimmung einleiten? Ein Referendum? Alternative, gesamtukrainische Wahlen abhalten? Eine Petition an den Europarat schicken?

Sollte man vielleicht als erstes einfach zur lateinischen Schrift übergehen? Die Uhr um eine Stunde zurückstellen? In der Kirche den Gregorianischen Kalender einführen?

4

Eines der Schlüsselprobleme der innerukrainischen Gegen­sitze ist und bleibt die Sprache. Für mich, der ich nur über die Sprache als Mittel meiner Beziehung zur Welt verfüge, han­delt es sich zweifellos um ein Grundproblem. Genau in die­sem Bereich des Funktionierens, des Gebrauchs und manch­mal auch des Diktats der Sprache möchte ich so sensibel wie möglich sein.

Das in und außerhalb der Ukraine am weitesten verbrei­tete Stereotvp ist die Vorstellung vom ukrainischen Bilingu­ismus. Die Geschichte hat es gefügt, daß der Westen fast nur ukrainisch spricht, während im Osten zwei (oder sogar drei) Sprachen in verschiedenen Korrelationen koexistieren - Ukrainisch und »Surshyk« vor allem auf dem Land, Russisch und »Surshyk« vor allem in den Städten.

Allerdings haben die letzten zehn Jahre wesentliche Ver­änderungen hinsichtlich der Verteilung mit sich gebracht. Das Paradoxe (wieder ein bitteres Paradox!) liegt darin, daß am Anfang des Jahrzehnts ein Gesetz über die ukrainische Sprache als Staatssprache erlassen wurde. Das bedeutete ei­nen mächtigen Entwicklungsimpuls in allen Bereichen und auf allen Ebenen, der auch die russische Sprache zu einer Sprache von gestern zurückdrängen sollte. Tatsächlich aber verlief die Entwicklung umgekehrt erst in den letzten zehn Jahren (und vor allem in den acht Jahren Unabhängigkeit) hat die ukrainische Sprache viele ihrer Positionen eingebüßt.

Dafür läßt sich eine Reihe von Gründen, eigentlich ein ganzer Komplex von Gründen und Ursachen anführen. Der wichtigste ist, meine ich, rein psvchologischer Natur: das we­nig attraktive Erscheinungsbild des eigenen Staates in den Augen der meisten seiner Bürger. Deswegen ist auch die Sprache dieses Staates, die Staatssprache also, nicht attraktiv. Um so mehr, als keiner der Vertreter dieses Staats besonderen Wert auf ihren Gebrauch legt.

Die reale Sprachensituation in der Ukraine sieht so aus: Ein echter ukrainisch-russischer Bilinguismus existiert nur noch im Westen. Auch wenn man die russische Sprache in Galizien viel seltener hört, hat niemand, dessen Mutterspra­che sie ist, deswegen Probleme. Man kann völlig ungestört in Lwiw leben und tagein tagaus nur russisch sprechen. Man möge sich dieses Phänomen nur spiegelverkehrt vorstellen, zum Beispiel in Donezk oder auf der Krim. Ein Wagemuti­ger, der dort prinzipiell nur ukrainisch sprechen wollte, würde unter Dauerstreß leben. Die galizischen Nationali­sten erweisen sich als bedeutend toleranter (vielleicht aber nur gleichgültiger?) als die Internationalisten aus dem Donbas.

Der Osten der Ukraine ist beute schon nicht mehr zwei­sprachig, er ist russischsprachig, wobei dieses Russisch in phonetischer Hinsicht immer mehr von seinen territorial­ukrainischen Merkmalen verliert … Heute spricht die Ju­gend in Kiew, Dnipropetrowsk, Poltawa und Tscherkasy ein völlig vereinheitlichtes Moskauer und Petersburger Russisch mit allen charakteristischen lexikalischen Ausschmückungen und Innovationen aus dem Slang. Das wäre an und für sich nichts Schlechtes, wenn diese jungen Leute nicht nur russisch sprechen würden.

Und was ist mit dem »Surshvk«, diesem liebenswerten Ba­stard, dieser chimärischen Mischung und Frucht bilinguisti­scher Blutschande, wo ist er? Er ist dort, wo er auch sein soll, dort, wo auch der Bilinguismus anzutreffen ist: nicht im Osten, sondern im Westen. Im »Surshyvk« kommuniziert heute ein beträchtlicher Teil der westukrainischen Bevölke­rung, einschließlich der »bewußten Galizianer«. Im Osten aber verschwindet er mehr und mehr, mit den zunehmend entvölkerten Dörfern und Kleinstädten und den im Ausster­ben begriffenen alten Menschen.

Der Surshyk wandert also nach Westen, begleitet den großen Zug der großen, mächtigen russischen Sprache (um Turgenjew zu zitieren). Das Ukrainische aber kann nirgend­wohin zurückweichen, weder nach Polen noch in die Slowa­kei noch nach Ungarn! Was heißt das also - assimilieren sie uns wirklich?

Als einer von denen, die sich Schriftsteller nennen, brüste ich mich manchmal damit, daß ich in den letzten fünf bis sechs Jahren in der Ostukraine eine gewisse Anzahl absolut russischsprachiger Leser ge­wonnen habe, die nur aufgrund meiner Werke zum ersten Mal im Leben ukrainisch lasen. Aber ich habe bis heute noch nie darüber nachgedacht, wie viele rein ukrainischsprachige Leser ich tagtäglich hier im Westen verliere, nur weil sie mich nicht mehr verstehen.

Die Proletarisierung der Ukraine besteht nicht nur aus ba­sar-oksal, dem Bahnhofs-Markt, grauen Gesichtern, kahl­geschorenen Köpfen und Trainingshosen. Sie besteht auch in einer primitiven Russifizierung, einer Sprache aus zweihun­dert Wörtern, einem pidgin-russian. Das ist schließlich die Sprache jener, die unsere Gesellschaft am meisten schätzt,­ - Obermafiosi, Pop-Stars, Sportler und Neureiche. Diese Leute haben für ihre Spitzenpositionen in der Gesellschaft kein Ukrainisch gebraucht, konstatiert der Durchschnitts­ukrainer. Wozu brauchen wir es dann?

Wenn das so weitergeht, scheint mir das völlige Verschwin­den der ukrainischen Sprache aus dem Alltagsleben innerhalb von einer bis zwei Generationen eine durchaus realistische Perspektive zu sein. Aber auch die entgegengesetzte Perspektive scheint reali­stisch. Ich kenne die Summe aller Faktoren, von denen das abhängt, wirklich nicht. Vielleicht gibt es aber überhaupt keine Abhängigkeiten? Denn die Ukraine ist ein Land des Barock. Hier ist alles schrecklich verwickelt, höchst unein­deutig und zugleich so eng miteinander verbunden, daß jede Art von wechselseitiger Abhängigkeit ihren Sinn verliert, und es gibt zumindest ebenso viele instabile Tendenzen wie stabile. »Dynamo«-Kiew gewinnt gegen »Spartak«-Moskau, und der Patriotismus nimmt zu, auch der Gebrauch der ukrainischen Sprache. Schnaps oder Benzin wird teurer - und die patrotischen Gefühle verstummen.

5

Ich habe keine Ahnung, wie ich bei einem imaginären Refe­rendum über die Abspaltung stimmen würde. Vielleicht sollten die westukrainischen »orangen Separatisten« nicht darüber nachdenken, wie man sich vom Rest der Ukraine trennt, sondern wie die Ukraine zum Beispiel den Donbas loswerden könnte. So viele Probleme wären mit einem Mal gelöst! Das kommunistische Wählerpotential würde sich um Millionen verringern, der extrem defizitäre Kohleabbau würde die ohnehin schwache Volkswirtschaft nicht noch weiter belasten, es gäbe weniger Arbeitslose, weniger Krimi­nelle, weniger Unfalle in den Schächten, weniger Russisch und weniger Menschen. Aber wie soll man nur dort alle über­reden, sich abzuspalten?

Die kommenden Jahre, vielleicht auch schon Monate wer­den zeigen, wie ich bei jenem wiewohl imaginären Referen­dum zu stimmen habe.

Diese desinformierenden Aufzeichnungen habe ich an dem Tag begonnen, als die Ukraine ihren Präsidenten wählte. Ich beende sie an dem Tag, da er immer noch nicht gewählt ist, wenn auch die Ergebnisse des ersten Durchgangs eher die schlechtesten Prognosen bestätigen. Es wird also auch in den nächsten fünf Jahren in diesem Land nicht normal zugehen. Gern würde ich mich diesbezüglich irren.

Für Leute wie mich bleibt auf dieser Welt immer noch et­was anderes: Eskapaden, eine Festung aus Alkohol, Sex und Musik, die innere oder äußere Emigration, die Unbeteiligt­heit, die Nichtanwesenheit, das Schreiben für die Schublade (wenn sie uns wirklich in die Zange nehmen), die Einsamkeit und die Galle. Und auch eine winzige Dosis Hoffnung, kon­zentriert in der von Kind an vertrauten Formel ,,Großer, ein­ziger Gott, behüte unsere Ukraine«.


1.November 1999


Juri Andruchowytsch: Desinformationsversuch. In: Ders.: Das letzte Territorium. Essays. Frankfurt: Suhrkamp,2003 (edition suhrkamp 2446), S. 72-87.



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