Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Francesco Petrarca


Francesco Petrarca, Fresko Padua

November 2021

Francesco Petrarca

Die Tollheit nimmt immer mehr zu, zu der alle beitragen, während niemand sie abbaut. Statt dessen würde ich mich wundern, wenn die Tollheit nicht längst den absoluten Gipfel erreicht hätte, wo doch so viele begabte Köpfe mit so unermüdlichem Eifer von überall her in diese eine Richtung arbeiten. Wiewohl das Nachahmen von Verhaltens- und Lebensweisen besonders gefährlich ist, … herrscht auch in kleinsten Einzelheiten derselbe Wahnsinn. Wie sonst ließe sich die zugleich wunderliche und lächerliche ständige Veränderung von Aussehen und Auftreten erklären, weshalb die Kleider einmal bis zu den Füßen reichen, dann die Scham entblößen, die Ärmel einmal am Boden schleifen, dann die Ellbogen einschnüren, der Gürtel den Busen zusammenschnürt, dann bis zur Hüfte herabhängt? Wie sonst die Suche nach ständig neuen musikalischen Harmonien erklären, wie den raschen Wandel in Fragen des Stils und selbst der Umgangssprache? Ohne Zweifel befördert, nährt und vermehrt in erster Linie die sinnlose, unüberlegte und nie mit sich selbst zufriedene Nachahmung solche abscheuliche und abstoßende Nichtigkeiten. Wie nämlich könnten Menschen immer bei derselben Lebensweise bleiben, wenn sie sich nicht an der Tugend, am eigenen Urteil und dem Rat von Freunden ausrichten, sondern sich der Rivalität, fremden Narreteien und einfältigen Wahnvorstellungen ausliefern? Diejenigen schließlich, die ihr eigenes Wesen ablegen, die heimatlichen Sitten abwerfen, nur noch das Fremde und jeweils Neue verehren, müssen immer dann wechseln, wenn ihnen etwas Beeindruckendes begegnet. Deshalb hört die Veränderung nie auf, weil die Nachahmung nie aufhört; alles Fremde gefällt, alles Eigene missfällt; die Menschen wollen alles lieber sein als das, was sie sind, und damit hätten sie ganz recht, wenn der Wunsch nicht aus Leichtsinn, sondern aus einer ernsthaften Beurteilung ihrer Lage entspränge. …

Niemand trifft eine eigenständige Entscheidung über sein Auftreten, seine Art zu sprechen, seine Geisteshaltung und überhaupt, wer er sein will, und deshalb haben die Menschen keine Identität. Die Jugend, die in die Fußstapfen der außer Rand und Band geratenen Alten getreten ist, lässt sich nur allzu leicht verführen und macht sich begeistert zum Gipfel der Torheit auf, die zweite Generation übertrifft darin schnell die erste, die dritte die zweite und so fort. … Vielleicht ist sogar wahr und bereits zur äußersten Konsequenz getrieben, was schon vor vielen Jahrhunderten gesagt wurde: „Jetzt hat jedes Laster den Höhepunkt erreicht“ (Juvenal), so dass der Weg nur noch in den Abgrund führen kann. …

Wer könnte stillschweigend diese würdelose, beschämende Verachtung für alles Einheimische ertragen, deren Ursache ich nicht verstehe, und die noch viel beschämendere, noch viel würdelosere Bewunderung für alles Fremde? Nicht so unsere Vorfahren, deren Nachkommen genannt zu werden wir kaum verdient haben. …

Unsere Vorfahren waren von ihrem Eigenen nicht so vollständig eingenommen, dass sie einfach alles Fremde verachtet hätten; bei Freund oder Feind in der Fern und in der Nähe schätzten sie alles, was wahrhaft Lob verdiente. Wann immer sie moralische Qualitäten, beeindruckende Verhaltensweisen, Fähigkeiten, sprachliche und wissenschaftliche Schätze und kulturelle Errungenschaften entdeckten, führten sie diese mit Eifer in der Heimat ein und betrachteten sie als die beste Beute. Wann immer sie aber Schändliches fanden, waren sie darauf bedacht, es zu bestrafen oder zu verachten. …

Ich warte darauf, wie weit die ständige Veränderung noch gehen kann oder ob sie nicht doch einmal zu Ende findet. Ich bin hier und wollte doch lieber zu irgendeiner anderen Zeit geboren sein. Wiewohl nämlich zu allen Zeiten Grund zu Klagen bestand und wiewohl die Zeit … alle diese Entwicklungen hervorgebracht hat, ist ihr bisher dennoch nichts derartig Verheerendes gelungen. … Wir handeln uns, wie wir alle sehen, bis in alle Ewigkeit Schande und vollkommende Nichtigkeit ein. Gottes Zorn droht uns, und seine gerechte Strafe erwartet uns; …

Ich möchte meinen Zeitgenossen zurufen: „Wohin wollt ihr, Elende, wohin treibt euch Eure Unvernunft? Haltet ein, bleibt stehen und schaut, wohin ihr taumelt! Ihr habt die Fußstapfen der Väter verlassen, um denen der Feinde zu folgen, … greift die Sitten der Väter wieder auf, gebt die fremden auf, um nicht nur ehrenvoller, sondern auch freudvoller zu leben, und lernt endlich, nur eine einzige Sache zu wollen, für die ihr euch … nach eigenen Vernunftgründen entscheidet.“ …

Als Blinde lassen wir uns von blinden Führern in Abgründe reißen, von fremden Vorbildern überwältigen, ohne zu wissen, was wir wollen; denn diese ganze Katastrophe wird durch Unkenntnis des Ziels hervorgerufen. Unvernünftige Menschen wissen nicht, was sie tun sollen; sie tun nicht, was getan werden muss, sondern suchen nach dem, was sie tun können, … Daher die Debatten ohne Ende, die Streitigkeiten ohne Ergebnis, die längst vor dem Ziel gescheiterten Ansätze, die fehlende Umsetzung. … Man müsste die Zeit anhalten und nicht beschleunigen: … Der ständige Versuch, den Lauf der Zeit zu beschleunigen, hat ohne Zweifel für viele zur Katastrophe geführt, …

Francesco Petrarca: Das einsame Leben. Hg. Franz Josef Wetz. Übersetzt von Friederike Hausmann. Stuttgart: Klett-Cotta, 2004, S. 117-121.

(Text abgeschlossen 1366/1371).



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