Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Edmund Burke


Edmund Burke

Dezember 2018

Edmund Burke

Reflections on the Revolution in France. (1790)

Der Geist der Neuerungen ist gewöhnlich das Attribut kleiner Charaktere und eingeschränkter Köpfe. Leute, die nie hinter sich auf Vorfahren blickten, werden auch nie vor sich auf ihre Nachkommen sehen. 28

Solange der Mensch ein Recht auf alles hat, mangelt es ihm an allem. Staaten sind Kunststücke menschlicher Weisheit, um menschlichen Bedürfnissen abzuhelfen. Der Mensch (in Gesellschaft) hat ein Recht, zu verlangen, dass seinen Bedürfnissen durch menschliche Weisheit abgeholfen werde. Unter diesen Bedürfnissen ist eins der dringendsten, dass es für menschliche Leidenschaften, die im außergesellschaftlichen Zustande schrankenlos wüten, einen Zügel gebe. … Die Einschränkungen des Menschen gehören so gut als seine Freiheiten unter seine Rechte. Da aber die Grade der Freiheit und Einschränkung nach Zeit und Umständen wechseln müssen, so können sie unmöglich vermittels einer abstrakten Regel festgesetzt werden, und nichts ist abgeschmackter, als darüber in der Voraussetzung einer solchen Regel zu räsonieren. 34

Eines der vornehmsten und wesentlichsten Prinzipien aber, die der Einweihung des Staates und der Gesetze zu Grunde liegen, ist, dass die, welche zu irgendeiner Zeit im Besitz oder vielmehr im Nießbrauch der gesellschaftlichen Vorteile sind, nie handeln sollen, als wären sie uneingeschränkte Eigentümer derselben, als hätten sie nichts von ihren Vorfahren erhalten, als wären sie ihren Nachkommen nichts zu hinterlassen schuldig; dass sie nie glauben sollen, es gehöre zu ihren Rechten, das große Fideikommiss, daran sie Anteil haben, anzugreifen und das heilige Familienkapital, das in ihren Händen wuchert, zu verzehren; dass sie es folglich nicht wagen dürfen, die ersten Fundamente der Gesellschaft aufzureißen und zu zertrümmern, denen, welche nach ihnen kommen, Ruinen statt einer Wohnstätte zu überliefern und durch das Beispiel ihrer Verachtung alles dessen, was ihre Voreltern gestiftet haben, ihre Enkel zu ähnlichem Leichtsinn und zu ähnlicher Zerstörungssucht aufzufordern. Nähme diese verderbliche Leichtigkeit, den Staat so oft und so ganz und so mannigfaltig umzuschaffen, als es dem Wechsel der Moden und Lieblingsgrillen gefallen möchte, überhand, so wäre aller Zusammenhang und alle Einheit in der gesellschaftlichen Verbindung aufgehoben. Die Menschen würden nicht mehr viel besser sein als die Insekten eines Sommertages. 41f.

Von dem Mangel einer festen Erziehung und einer gleichförmigen Lebensweise würden Barbarei in Wissenschaft und Geschmack, Plumpheit in Künsten und mechanischen Arbeiten eine unausbleibliche Folge sein und so der Staatskörper selbst, nach wenig Generationen, zusammenschrumpfen und dahinschwinden, aufgelöst werden in den Staub und Moder seiner zertrennten Bestandteile und zuletzt auseinanderleben mit allen Winden des Himmels. 43

Der Staat ist nicht nur eine Gemeinschaft in Dingen, deren die grobe tierische Existenz des vergänglichen Teils unseres Wesens bedarf, … Er ist eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen. Jeder Grundvertrag einer abgesonderten Staatsgesellschaft ist nur eine Klausel in dem großen Urkontrakt, der von Ewigkeit her alle Weltwesen zusammenhält, die niedrigeren Naturen mit den höheren verbindet und die sichtbare Welt an die unsichtbare knüpft, alles unter der Sanktion eines unverletzlichen und unwandelbaren Gesetzes, vor dem nichts im physischen, nichts im moralischen Weltall seine angewiesene Stelle verlassen darf. 44

Soviel scheint mir unleugbar, dass, wenn in einer Demokratie gewaltsame Spaltungen entstehen, welches in dieser Verfassung sehr häufig der Fall sein muss, die Majorität der Bürger die Minorität aufs grausamste zu unterdrücken imstande ist und dass sich diese Unterdrückung viel weiter erstrecken und mit viel größerer Wut ausgeübt werden wird, als je … 50

Mir wird es unendlich schwer, Staatsklugheit und Gerechtigkeit getrennt zu denken. Die große, bleibende Staatsklugheit der bürgerlichen Gesellschaft ist – Gerechtigkeit. Jede auffallende Abweichung von ihr gerät unvermeidlich in den Verdacht, gar nicht mehr Staatsklugheit zu sein.

Wenn Menschen durch längst vorhandene Gesetze und Verfassungen aufgemuntert werden, eine gewisse Lebensart zu ergreifen, wenn diese Lebensart von jeder als rechtmäßig anerkannt worden ist, wenn sie ihre Neigungen und ihren Ideengang dazu gewöhnten, wenn uralte Sitten und Meinungen mit der Befolgung gewisser Vorschriften ihre Ehre, mit der Übertretung derselben ihre Schande und sogar Strafe verknüpft haben: dann ist es ein ungerechtes Unternehmen einer gesetzgebenden Macht, durch einen plötzlichen Umsturz der alten Lebensweise ihren Prinzipien und ihren Empfindungen zu gleicher Zeit Gewalt anzutun, sie unbarmherzig aus ihrem Stande und aus allen ihren Verhältnissen zu reißen und alles, was bisher die Quelle ihrer Glückseligkeit und der Maßstab ihrer Ehre gewesen war, mit Schmach und Verachtung zu brandmarken. 54

Ein tätiger Geist voll lebhafter und wohlwollender Spekulationen kann wünschen, dass die Gesellschaft, in der er lebt, anders organisiert sein möge, als er sie findet; aber ein guter Patriot und wahrer Staatsmann sucht allemal aus dem schon vorhandenen Stoff, den ihm sein Vaterland darbietet, so viel zu machen als möglich ist. Neigung zum Erhalten und Geschicklichkeit zum Verbessern sind die beiden Elemente, deren Vereinigung in meinen Augen den Charakter des großen Staatsmanns bilden. Alles was hiervon abweicht, verrät den gemeinen Kopf in der Erfindung und eröffnet den Ruin der Gesellschaft in der Ausführung. 55

Hans Barth (Hg.): Der konservative Gedanke. Stuttgart 1958.

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