Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Karl (Carlo) Schmid


Karl (Carlo) Schmid um 1947

September 2014

Karl (Carlo) Schmid.
Lob Oberschwabens. In: Die Gründung der Gesellschaft Oberschwaben in Aulendorf. Stuttgart: Klett, 1946, S. 21-30

„… Viele Menschen schauen nach diesem Flecken Erde als nach einem Besonderen, als nach einem Orte, der ihnen Dinge schenken könnte, ohne die sie nicht leben möchten, und die ihnen die eigene Heimat neben den ihr eigentümlichen Tugenden  vielleicht versagen muß. Es wäre falsch zu glauben, daß es etwa nur die landschaftlichen Schönheiten sind, die solches wirken, oder die Denkmale der Kunst, die hier so verschwenderisch verstreut sind, als solche. Es ist etwas anderes; es ist der Umstand, daß uns in dem Gau zwischen Donau und Bodensee ein Menschenbild zur Ausprägung gekommen zu sein scheint, in dem Züge der Humanität bewahrt werden konnten, die anderwärts geopfert werden mußten.

Schauen wir diese Landschaft an, diese Wiesen, Felder, Wälder, Seen und Hügel! Alles das atmet des Menschen Geist und Werk, des Menschen, der diese Natur geformt und nicht geknechtet hat, der sie nicht sich selber entfremdete, indem er sie Zwecken dienstbar machte, sondern gleichsam maieutisch ihr Edelstes, ihren eigentlichen Sinn, blühende Nährmutter des Menschen zu sein, wie eine Frucht, die schmückend am Baume hängen bleibt, aus ihr herausholt, und sie die justissima tellus, lohnt es ihm, indem sie ihm den Raum bereitet, in dessen hegenden Bezirken er unangefochten von den Mächten des Widersinns ganz zu dem werden kann, was ihm vom Wesen her bestimmt ist, nämlich ein Geschöpf Gottes, das sich selbst erfüllt und nicht von den Sachen, den Umständen und Zwecken her determiniert ist. …

Hier oben haben die Menschen daran festgehalten, daß der Mensch nicht durch das bestimmt wird, was er tut, sondern durch das, was er ist. Sie haben darum nie den Wertmaßstab aus der quantitativen Leistung genommen, sondern ihr Dasein danach bewertet, was es an Reichtum der Entfaltung menschlicher Existenz möglich macht. Sie haben dabei auf manches verzichtet, was nördlichere Breiten sich zum Ruhme angerechnet haben – sie haben keine Schwerindustrie geschaffen, sie haben ihr Leben nicht so technisiert und quantitativ ergiebig gemacht, wie es dort geschah – und manche haben darin einen Mangel an Kraft und Tüchtigkeit gesehen und das Land der Bauernhöfe, Klöster und kleinen Städte ein wenig mitleidig und gönnerhaft belächelt. Das waren Toren, denn wenn sie genauer hingesehen hätten, hätten sie bemerken müssen, daß die menschlichen Tugenden, auch die Tugenden des Mutes und der Kraft, hierzulande ins Blühen gekommen sind wie nur je anderswo.

Schauen wir uns doch nur die Klöster und Abteien dieser Fluren an, die mit ihren Münstern zu den mächtigsten Bauwerken des Landes gehören. Was ist hier nicht an Tatkraft und Gestaltungswillen aus der Brust des Menschen zusammen geflossen, um in Quaderwerk und Turm die Erde mit dem Himmel zu verbinden! … Hier hat der Barock seine erlauchtesten Blüten  getrieben, dieses Zeitalter, in dem der deutsche Geist das letzte Mal in hellen Gluten aufflammte, ohne wie Euphorion im Wesenlosen zu verlodern. Und auch das ist ein Privileg dieses Oberschwaben, daß in ihm die Kräfte des Menschen sich immer im Ding, in dem was von der Erde kommt, einen Leib zu schaffen vermögen und darum Dauer wirken. … Freilich beschwert der Stoff den Flug des Geistes und darum ist er hier oben nicht in so schwindelhafte Höhen gestiegen wie in anderen Teilen des Reiches. Dafür ist aber, was er schuf, dem Menschen erreichbar geblieben und hat den Menschen ernährt, …

Die Kunst und die Dichtung tragen hierzulande darum ein besonderes Gepräge und sie sich ausgezeichnet durch ihre Bezogenheit auf das Maß des Menschen. Das gilt selbst von dem rauschenden Gepränge der Altäre und Deckenbilder dieser Kirchen, an denen auch das Größte menschlich ist und auch die Engel Kinder der Erde sind. Und ist nicht Wieland der echtgeborenste Sohn Oberschwabens unter den deutschen Klassikern, dieser Mann, der die deutsche Sprache so schmeidigte und humanisierte, daß Goethe an seinem Grabe zu sagen wagen konnte, erst seit der Vermenschlichung der deutschen Sprache durch ihn sei es möglich geworden, einen Brief in deutscher Sprache zu schreiben. Und wirft es nicht ein helles Licht auf die besonderen Gnaden dieses Landes, daß der alte Sailer die Heilige Geschichte mit all ihrem Pathos in das Leben seiner Bauern projizieren konnte, mit Tiefsinn und Spaß, ohne daß irgendeiner darin etwas von Blasphemie oder Banalisierung aufspüren konnte.

Der Geist hat sich hier nie hochmütig vom Stoffe geschieden, so wie man auch nie hier die Heiligkeit des Himmels in seiner radikalen Abscheidung von der Erde gesehen hat. Der Geist hat hier seine Würde darin gesehen, zu heiligen, was von der Erde kommt, es in seiner Gegenständlichkeit zu bejahen und die Fülle seiner Kräfte zu einem Lobgesang auf die Schöpfung, deren Mitte der Mensch ist, zu entbinden. Das fängt an bei den bunten Läden der Bauernhöfe und den Gärten der Gehöfte, die etwas ganz anderes sind als die Dekorationen kargen Lebens anderswo, und geht über die bunten Freuden der Feste des Kirchenjahres zu den Prunkbauten der Kirchen, die die Schwere des Erdenstoffes weder negieren noch auftürmen, sondern gegenstandslos machen, indem sie sie in sachten Abstufungen reichster Entfaltung der Schwerelosigkeit des Lichtes vermählen. Ja, auch das Licht wird gegenständlich gemacht und fast körperhaft geformt in diesen Kirchen, durch die es nicht nur flutet, sondern in denen es sich an tausend Formen fängt und „dicht“, gleichsam tastbar wird, wie die Welle des Euphrat in der Hand des Dichters sich zur gläsernen Kugel ballte.

Das ist es, was die eigentlich und wesensmäßige Katholizität dieses Landes ausmacht, … dieses Fleischwerdenlassen des Wortes in allen Dingen, die des Menschen sind und den Menschen betten wie eine Wiege das Kinde. Dieses Christentum, das hier nie zelotisch dogmatisierend und moralisierend ist, sondern ein freudiges Bejahen der Welt, die es aus der Hand des Schöpfers empfangen hat, dieses guten Gottes, der nichts von uns will, als daß wir ihm im rechten Entfalten dessen, was er uns schenkte, die Ehre geben, von der auf uns selber im Widerschein das helle Licht fällt, aus dem allein die Helle steigt, in der wir selber uns in unserer Wahrheit sehen können. Das hat mit Konfession im abgegrenzten Sinne nichts zu tun, denn es gilt für die Protestanten Biberachs und Ravensburgs so gut wie für die Katholiken dort: es gehört zum Genius Oberschwabens selbst.

Dieser Genius ist der Engel der Humanität, nichts anderes, und darum ist alles, was an Geist lebendig wurde, hier humanistisch gewesen und weil dem so ist, haben sich die Kleinen und die Großen bewußt und unbewußt immer dem verpflichtet gefühlt, was seinen Ausdruck am reinsten in dem gefunden hat, was uns von der Antike her überliefert worden ist, … Hier ist Überlieferung des Römischen immer gewesen wie ein Hauch, der durch die Fluren streicht und die Gewächse des Landes in fruchtbringende Wärme hüllt. Nie hat der Humanismus des Lebensgefühls und der Überlieferung hier das Eingeborene verraten und entstellt, nie ist hier er zur Fremdtümelei geworden. Nein, er hat das Eigene, Gewachsene, nur blühender und trächtiger gemacht! Gibt es denn noch viel Orte in Deutschland, wo das spezifisch Eigenständige so lauter lebt wie hier?

Dieses Humane, dieses auf den Menschen Bezogene des Lebens hat auch die sozialen Bewegungen getragen, die hier lebendig geworden sind. Gibt es etwas Menschlicheres als die Artikelbriefe der Bauern Oberschwabens, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts an ihren Fürsten mit keinem anderen Begehren herangetreten, als daß ihnen Bedingungen des Lebens erlaubt würden, in denen allein das Leben würdig geführt werden kann? Da ist nichts von Schwarmgeisterei zu verspüren, die diese Bewegung im Norden trug; da ist alles konkret menschlich und gegenständlich fromm, frei ohne Übermaß und männlich ohne Arroganz. Und das mußte in diesem Lande so sein, wo der Mensch von sich und seinem Nächsten, von der Erde und dem Himmel nichts anderes fordert, als was er braucht, um ein Mensch sein zu können, um seiner Bestimmung als Mensch leben zu können.

Darum hat er sich hier dem bloß Faktischen nie unterworfen, trete es ihm nun entgegen im Bereich der Wirtschaft oder der politischen Geschichte. In welcher Form es ihm auch begegnen mochte, er hat es angefaßt und geformt nach seinem Bilde vom rechten Leben und darum hat alles, was uns hier begegnet, die helle und freudige Richtigkeit des von dem Gärtner aus der Einsicht in die Geheimnisse des Wachstums liebend beschnittenen Baumes. Darum sind auch die Menschen dieses Landes viel weniger als es anderswo der Fall ist, durch die äußeren Umstände der jeweiligen Zeit betroffen, und scheint uns ihr Auge mit einer Freiheit in die Welt zu blicken, die uns wohltut und so viel Hoffnung gibt. So ist dieses Land und so sind seine Menschen, und weil sie so sind, kann sich eine Gesellschaft, die sich nach dem Namen dieses Landes nennt, und die seine Kräfte in sich fruchtbar machen will, keine andere Aufgabe setzen, als in ihren Mitgliedern und den Menschen, die auf sie hören, die Kräfte fruchtbar zu machen, die hier angesprochen worden sind: Christentum und Humanität und den Drang des Menschen, um seiner Würde willen in einer Welt zu leben, in der jedem an äußeren und inneren Gütern zuteil wird, wessen er bedarf, um seine Leben zum vollen Reichtum seiner Möglichkeiten entfallen zu können. …“

 

Karl (später: Carlo) Schmid hielt diesen Vortrag als Vorsitzender des Staatssekretariats des Landes  Württemberg-Hohenzollern bei der Gründungsfeier der Gesellschaft Oberschwaben im Schloss Aulendorf am 27. April 1946.

Vollständiger Text in Elmar L. Kuhn u. a. (Hg.): Das große weite Tal der Möglichkeiten. Geist, Politik, Kultur 1945-1959. Die Gesellschaft Oberschwaben. Lindenberg: Fink, 2002, S. 310-314.

 

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