Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Kreuz als Innerer Raum


Mai 2016

Anselm Grün und Hagen Binder: Kreuz als Weg zum Inneren Raum. Bilder und Meditationen. Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag, 2016.

Für den Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung ist das Kreuz auch ein Symbol für Ordnung: „Das Kreuz bedeutet Ordnung gegenüber dem Ungeordneten beziehungsweise Chaotischen … Es ist in der Tat eines der ursprünglichsten Ordnungssymbole. Im Bereiche der psychischen Vorgänge hat es ebenfalls die Funktion eines ordnungserzeugenden Mittelpunktes.“ … Im Kreuzungspunkt der Balken, in der Mitte des Kreuzes kommt alles Gegensätzliche im Menschen zur Ruhe und so findet der Mensch zu seiner eigenen Mitte. …

Das Kreuz ist nicht nur ein Bild für den Kosmos, sondern auch für den Menschen. Der Mensch ist kreuzförmig gebildet – so haben es schon die Kirchenväter wahrgenommen. Wenn der Mensch die Arme ausbreitet, bildet er das Kreuz, verbindet im Stehen Himmel und Erde und greift zugleich mit den Armen in die Welt hinein. Er umarmt gleichsam die ganze Welt. … Das gibt unserem Leben Weite und Freiheit. …

Das Symbol des Kreuzes spielt bei Jung eine wichtige Rolle auf dem Weg der eigenen Menschwerdung. Indem der Mensch seine Gegensätze annimmt, führt ihn der Weg des Kreuzes immer mehr in seine eigene Mitte, zu seinem wahren Selbst. …

Der Künstler interpretiert die Verbindung von Kreuz und innerem Raum folgendermaßen: „Die vertikale Achse des Kreuzes steht für Erde und Himmel, für Irdisches und Göttliches. Sie symbolisiert unseren inneren, geistigen Lebensweg. Die horizontale Achse kann als Wegstrecke für unseren äußeren Lebensweg stehen, für Vergangenheit und Zukunft, Anfang und Ende. Der Kreuzungspunkt dieser beiden Achsen ist ein ganz besonderer Ort. Er zeigt sich als das Jetzt, die Gegenwart, als Schwelle und als Tor auf dem Weg zu unserem inneren Raum. Hier können wir die Ganzheit unseres Seins ahnen.“

Wie das Kreuz auf unsere Sehnsucht nach Verwandlung antwortet, so antwortet der innere Raum der Stille auf unsere Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit. …

Das Kreuz verbindet Himmel und Erde. Es symbolisiert den Kreuzungspunkt zwischen oben und unten. Auch der innere Raum der Stille in uns verbindet Himmel und Erde. … Auf dem Bild ist der innere Raum am Kreuzungspunkt gelegen. Er ragt in das Licht des Himmels wie in die Dunkelheit der Erde. Im Bereich des Himmels ist es ein weißer Raum, im Bereich der Erde ein heller Raum. Er erhellt unser ganzes Sein. … Die Dunkelheit der Erde wird zum fruchtbaren Ackerboden, auf dem die Früchte unserer Seele reifen können, damit sie andere nähren und erfreuen. Und die innere Quelle wird unsere Wunden heilen …

Dort, wo unser Lebensweg an einem Kreuzungspunkt ankommt, befindet sich der innere Raum der Stille, ein Raum von Licht und Wärme. Dieser Raum mitten in der Kreuzung ist die Brücke, die Himmel und Erde miteinander verbindet. … Das Kreuz ist die Brücke, die über die Fluten hinweg gebaut ist, über sie kommen wir ans andere Ufer. Das meint einmal das Ufer des Himmels, das wir im Tod erreichen. Es meint aber auch hier im Leben schon das Ufer von Heimat und Geborgenheit, von Vertrauen und Schutz, das wir immer wieder in den Gefährdungen unseres Lebens erfahren dürfen, …

Ich stelle mich aufrecht hin und strecke meine Arme aus. Wenn ich lange mit ausgestreckten Armen stehe, spüre ich auch die Schwere. Vielleicht möchte ich die Arme gleich wieder sinken lassen. Dann halte ich es aus, in dieser Haltung zu stehen. In aller Schwere ahne ich in mir die Freiheit, die Weite, den stärkenden Raum auf dem Grund meiner Seele.

S. 17f., 22, 30f., 76f., 100

Copyright 2017 Elmar L. Kuhn