Elmar L. Kuhn

Oberschwaben - eine Region als politische Landschaft ...


19./20. Jahrhundert: Bewusstseinslandschaft aus Trotz und Stolz

Die napoleonische ‚Flurbereinigung‛ teilt Oberschwaben 1806 und 1810 auf die vier süddeutschen Rheinbundstaaten Bayern, Württemberg, Baden und Hohenzollern-Sigmaringen auf. Der Wiener Kongress besiegelt die Teilung, die sich als Reduktion auswirkt. Die Ostschwaben entwickeln ihre eigene regionale Identität als Schwaben im bayerischen Staatsverband103. Für die badischen Bezirksämter prägt die lange Zugehörigkeit zum badischen Seekreis (später Großkreis Konstanz) und damit die Lage im Landschaftsraum des Bodenseegebiets das Bewusstsein. Die bayerischen Schwaben und die badischen Bodenseeanwohner verstehen sich nicht mehr als Oberschwaben, die südlichen Hohenzollern wenden sich erst neuerdings wieder Oberschwaben zu. Als Oberschwaben wird fortan nur noch der größere Teil des alten Kernraums westlich der Iller verstanden, die zehn württembergischen Oberämter südlich der Donau: Riedlingen, Ehingen, Laupheim, Biberach, Saulgau, Waldsee, Leutkirch, Wangen, Ravensburg und Tettnang. Damit ist eine völlig neue Situation entstanden. Auf drei Seiten ist dieses Gebiet jetzt von der Landesgrenze umschlossen. Im Norden schließt jetzt zwar keine Landesgrenze mehr ab, aber es bleibt die mentale Grenze zu einem Gebiet anderer Konfession, anderer Agrar- und Gewerbestruktur.

Oberschwaben ist kein Gebiet mit unscharfen Grenzen mehr, sondern klar umrissen. Diese Grenzen begrenzen aber auch den Kommunikations- und Interaktionsraum. Verbindungen nach Westen und Osten werden gekappt, nach Süden bleiben noch die wirtschaftlichen Verbindungen104. Kommunikation und Interaktion werden nun nach Norden, nach Stuttgart ausgerichtet. Entsteht so ein deutlicher profilierter Kommunikations- und Identitätsraum, so blieb es ihm auf Jahrzehnte versagt, über die Grenzen der einzelnen neuen Oberämter hinaus regionale Organisationsstrukturen zu bilden. Regionalbewusstsein wird bis Ende des 19. Jahrhunderts kaum in Organisationen fassbar, dafür mehr von Meinungsführern artikuliert. In den ersten Jahrzehnten nach 1800 bleiben solche Äußerungen noch vereinzelt, erst mit den Erfahrungen von Missachtung und des Sieges des katholischen Ultramontanismus wächst das regionale Selbstbewusstsein105. Von den Bewohnern wird ihre Region nun meist als ‚Oberland‛ bezeichnet, auch wenn sich im internen wie externen Sprachgebrauch daneben nach wie vor ‚Oberschwaben‛ hält106.

Mit einer „uniformierenden und egalisierenden inneren Staatspolitik“ sucht Württemberg die neu erworbenen Gebiete, Neu-Württemberg, in seinen um das Doppelte vergrößerten Staat zu integrieren107. Die Verwaltungseinteilung in 65 Oberämter auf der unteren und vier Kreise auf der mittleren Ebene überzieht nach französischem Vorbild rationalistisch das ganze Land und vermeidet nach der Maxime einer „systematischen Aufhebung und Zerschlagung der historischen Grenzen“ die Anknüpfung an die historischen Landschaften108. Zum Donaukreis mit Sitz in Ulm zählen sowohl die zehn katholischen Oberämter Oberschwabens, wie sechs nördlich angrenzende meist altwürttembergische, protestantische Bezirke. Militär, Schule, Universität, Landtag und die schließlich 1819 vereinbarte Verfassung werden als weitere langfristig bedeutsame Integrationsinstrumente eingesetzt. Die Eingliederung in das neue Königreich bringt der Masse der Bevölkerung auch Verbesserungen: mehr politische Mitspracherechte, eine gesicherte Selbstverwaltung in den Gemeinden, Rechtssicherheit. Aber dennoch fühlen sich die Oberschwaben bald als ‚Minderschwaben‛. Landespatriotismus und Staats-Diskurs bleiben noch lange von altwürttembergischen Werten bestimmt. Franz Quarthal hat ausführlich beschrieben, wie die im 18. Jahrhundert artikulierte „Zweiteilung Schwabens in einen aufgeklärten niederschwäbischen und einen rückständigen oberschwäbischen Teil [...] im 19. Jahrhundert [...] auf den altwürttembergischen und den oberschwäbisch-neuschwäbischen Landesteil des Königreichs Württemberg übertragen“ wird109. Noch im 20. Jahrhundert formuliert eine angehende Schriftstellerin die ersten Verse in Erinnerung an Diskriminierungserfahrungen: „Ich bin vom Oberlande, und das ist keine Schande“110.

Versuche zu einer Revision der neuen Grenzen, zu einer eigenen politischen Organisierung Oberschwabens, gar zu regionalem Separatismus unternehmen nur die entmachteten vorigen Herren der Region, nunmehr sog. ‚Standesherren‛, in verletztem Stolz, die von ihrem vorigen Kollegen und jetzigen Landesherrn anfänglich demütigend behandelt werden. Nach der Auflösung des Rheinbundes 1814 hoffen die Standesherren, dass ihre Mediatisierung rückgängig gemacht wird. Max Wunibald Fürst von Waldburg-Zeil, der nach 1800 mit seinen oben erwähnten Plänen der Mediatisierung zuvorkommen wollte, arbeitet erneut einen Plan für die Konstituierung eines neuen Schwäbischen Kreises aus, dessen Grenzen östlich des Allgäus, an Iller und Donau entlang, Hohenzollern und Fürstenberg einschließen und den Neckar aufwärts bei Waldshut den Rhein erreichen. Der Wiener Kongress geht auch über diese Pläne eines „geschlossenen Staates“ Oberschwaben hinweg111.

Jahrzehnte später sieht sich der Enkel Max Wunibalds, Konstantin, dritter Fürst von Waldburg-Zeil, als Vertreter und Verteidiger der Interessen des katholischen Oberlands gegen das bürokratische Stuttgarter Regime112. Als einziges Bollwerk gegen die zersetzenden Folgen des Liberalismus, der nach der Schwächung der politischen Position des Adels nun auch die wirtschaftlichen und sozialen Vorrechte bedroht, betrachtet er die Religion. Gegen das staatskirchliche Kirchenregiment exponiert sich Waldburg-Zeil im ‚Kirchenkampf‛ immer mehr als Verfechter der Autonomie der katholischen Kirche. In der Revolution von 1848 fordert der Fürst zunächst ein entschiedenes Vorgehen des Königs und seiner Regierung gegen die Revolutionäre. Erzürnt über die Nachgiebigkeit ihnen gegenüber, fühlt sich der Feudalherr von seinem König im Stich gelassen und vollzieht in kürzester Frist einen Frontwechsel an die Seite der bisher Bekämpften, Revoltierenden. Als ‚Roter Fürst‛ stimmt er wie andere oberschwäbische Abgeordnete konsequent mit der Linken, auch für die Aufhebung der Adelsvorrechte und für die Schaffung einer Deutschen Republik. Politische und kirchliche Freiheit hält er nun nur für gemeinsam erreichbar. Als seine Hoffnungen auf eine Mediatisierung Württembergs in einem größeren deutschen Reich und unter Hegemonie Österreichs nicht in Erfüllung gehen, setzt er auf die Sezession, die „Schaffung einer weitgehend autonomen Region ‚Oberschwaben‛ oder ‚Schwaben‛ in einem Großdeutschland [...] an der Seite Österreichs“113. In Bayerisch-Schwaben gibt es analoge isolierte Absichten einer ostschwäbischen Autonomie nach der Trennung von Bayern114. Die Pläne haben wie frühere des Hauses Waldburg-Zeil keine Chance, nicht nur weil die „40.000 österreichischen Bajonette“ nicht zum Einsatz kommen, sondern weil keine „abermalige Erhebung des deutschen Volkes den Boden ebnete [...], den Hochverrat an Kaiser und Reich [...] und Raub an Kirche und Mitständen“ zu revidieren. Oberschwaben wird nicht die „deutsche Vendée“115.

Der Fürst von Waldburg-Zeil, der sich selbst als „Befreier der oberschwäbischen Bauern und als Vorkämpfer gegen die unterländische Bevormundung“ sieht116, ist nur bedingt und kurzfristig der Repräsentant Oberschwabens. Vor 1848 ärgert ihn die politische Apathie seiner Standesgenossen, nach 1848 lehnen diese seine demokratischen Neigungen entrüstet ab. Vor 1848 verbindet der Widerstand gegen die staatliche Kirchenpolitik zwar Adel, Bauern und Kleinbürgertum, aber Adel und Bauern trennen gegensätzliche Interessen bei der Ablösung der Feudalrechte. Für Andreas Wiest, „Anwalt der Bauern und Ankläger der Feudalrechte“, ist der Fürst von Waldburg-Zeil wie andere Standesherren kirchenpolitischer Verbündeter, aber gesellschaftspolitischer Gegner117. Immerhin sind 13 % der Fläche Oberschwabens in fideikommissarisch gebundenem Adelsbesitz, im Allgäu fast ein Viertel. In der Restaurationsphase müssen die Bemühungen des Adels um Wiederherstellung seiner Privilegien und nachträgliche Entschädigungszahlungen für alle angeblichen Einbußen, ihn in Gegensatz zur Bevölkerungsmehrheit bringen. Überdeckt werden diese Divergenzen freilich weiterhin durch die öffentlichkeitswirksame Repräsentanz katholischer Konfessionspolitik118.

Die Volksversammlungen und zahlreichen Vereinsgründungen im Zuge der Revolution von 1848/49 führen zu einer bisher nicht gekannten Dichte an Kommunikation und Organisation in Oberschwaben. Erstmals seit 1525 kommen wieder oberschwäbische Bürger in großen Versammlungen zusammen und artikulieren ihre Meinungen und Interessen119. Schon zuvor organisieren sich Bürger in lokalen ‚Liederkränzen‛, Turnvereinen und Bürgergesellschaften. Als erste gesamtoberschwäbische Organisation gründet Andreas Wiest

1840 den ‚Oberschwäbischen landwirtschaftlichen Verein‛ zur Vertretung der bäuerlichen Interessen vor allem gegenüber den Standesherren und hält jährliche Zentralversammlungen ab. Am 18. April 1848 wird zu einer ‚Volks-Versammlung des Donaukreises‛ in Biberach aufgerufen, die sich als ‚oberschwäbische Versammlung‛ versteht und Kandidaten für die Wahl zur Nationalversammlung nominiert. Am 24. September 1848 findet eine „ausschließlich republikanische Volksversammlung von Oberschwaben“ in Ravensburg statt, „um die Handlungen der Linken in der Nationalversammlung zu Frankfurt durch die That zu unterstützen“120. Hinter der Tribüne hängt neben der deutschen die rote Fahne. Eine Woche später wiederum in Ravensburg wird ein zweitägiges Oberschwäbisches Turnfest gefeiert und ein ‚Oberschwäbischer Turnerbund‛ gegründet, der auch 1849 und 1850 oberschwäbische Turnfeste veranstaltet 121. Am 20. Mai 1849 tagt eine Versammlung von Abgeordneten der Gemeindekollegien, Bürgerwehren und Volksvereine in Oberschwaben in Aulendorf und beschließt, bayerische Truppendurchmärsche zu verhindern122. In Bayerisch-Schwaben regen sich Bestrebungen nach einer Wiedervereinigung mit dem württembergischen Oberschwaben123. Vor allem in den Städten werden Volks-, Arbeiter- und die katholischen Piusvereine gegründet, die sich aber unterhalb der Landesebene nicht zu einer regionalen Organisation zusammenschließen. Dem Vorwurf mangelnden Engagements der Katholiken entgegnet man: „Ganz Oberschwaben ist von selbst eine Association und hat es gar nicht nötig, sich zu einem neuen Vereinswesen [...] heranzubilden [...]. Dem Vereine ist der Oberländer ohnehin abgeneigt [...], wir können handeln ohne zu schwätzen“124. Alle diese Vereine werden in der Restaurationsphase nach 1852 aufgelöst oder lösen sich selber auf.

1848/49 markiert eine mehrfache Zäsur für Oberschwaben: Der Bau der Südbahn reduziert die Entfernungen und erleichtert Kommunikation und Interaktion125. Nach der ‚Bauernbefreiung‛ stabilisiert sich die mittelbäuerliche Agrarstruktur126. Die ‚aufgeklärte Staatskirche‛ wird abgelöst durch die ‚ultramontane Papstkirche‛. Die katholische Lebenswelt verdichtet sich zum katholischen ‚Milieu‛127. Die „vorwiegend bäuerliche Ablehnung der aufklärerisch-staatskirchlichen Koalition zwischen Konstanz/Rottenburg und Stuttgart, modern organisiert durch junge, ultramontane Kleriker [...] schuf ein katholisches oberschwäbisches Selbstbewusstsein“128. Das neue katholische Selbstbewusstsein stärkt das regionale Selbstbewusstsein. „Deutschland ein wenig, aber vor allem Oberschwaben und Österreich hoch!“ ist in der Revolution die Losung!129Aber eine Sezession, die Bildung einer regionalen politischen Einheit, wie sie der Fürst fordert, verlangt kein Redner auf einer Volksversammlung. Die Ziele der Bürger und Bauern sind die Demokratisierung der Landespolitik, die Beseitigung der feudalen Lasten und das großdeutsche Reich.

Der katholischen Konfession kann die zentrale Rolle als regionaler Integrationsfaktor erst mit dem Sieg des Ultramontanismus zukommen, der Verdrängung der innerkirchlichen Aufklärung durch einen wieder gefühlsbetonten Glauben, der Betonung demonstrativer Frömmigkeitsformen, der Durchsetzung einer rigiden Kirchendisziplin in absoluter Unterordnung unter Rom und der Ablehnung staatlicher Eingriffe unter Einsatz moderner Mittel wie eines weitgefächerten katholischen Vereins- und Pressewesens. Der ultramontane Katholizismus eint die Region im Gegensatz zu Stuttgart. Vor der Revolution bleibt der „Katholizismus [...] eine politisch vielfarbige Erscheinung“130, katholische Abgeordnete finden sich in allen politischen Gruppierungen, die meisten katholischen Wahlkreise wählen regierungskonform. Seit den 50er-Jahren wandeln sich aber die katholischen und damit auch die oberschwäbischen Wahlkreise „von Bastionen der Regierung [...] in Hochburgen des anti-Staatlichen Protestes“131. Mehrheitlich wählen die Oberschwaben nun Abgeordnete, die sich im Landtag der Fraktion der linksliberalen Volkspartei anschließen, von deren demokratisch-populistischer Politik sie sich eine stärkere Berücksichtigung katholischer Belange erwarten. Das Bündnis zwischen Liberalen und Katholiken zerbricht in der ‚großen Depression‛ Ende des Jahrhunderts, als die auf Modernisierung ausgerichtete, liberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit den Interessen eines noch weitgehend agrarischen und kleingewerblich strukturierten, von den Auswirkungen der industriellen Entwicklung bedrohten Oberschwabens kollidiert. 1895 wird die württembergische Zentrumspartei als katholische Landespartei in Ravensburg gegründet, „appealing to a ghetto mentality, which was as much social as religious in origin“132. Mit Wählerstimmen im Durchschnitt von über 70, oft über 80 % wird das Zentrum sofort absolut hegemoniale Regionalpartei. Die vorher blaue politische Landkarte Oberschwabens färbt sich schwarz, bis heute. Die Zentrumspartei ist eine Honoratiorenpartei, auf eine lokale und regionale Parteiorganisation kann sie bis 1918 verzichten, als organisatorische und propagandistische Basis dienen ihr der Klerus und das katholische Vereinsgeflecht. Mit dem Aufbau von Bezirksorganisationen nach der Revolution 1918 veranstaltet die Partei auch ‚Oberschwäbische Zentrumsparteitage‛.

Die Kirche mobilisiert ihre oberschwäbischen Seelen erstmals 1871 mit einer ‚Versammlung der katholischen Männer des Oberlandes in Aulendorf‛, noch vor dem ersten Landeskatholikentag 1890 in Ulm, dem weitere oberschwäbische Katholikentage folgen, präsidiert von Mitgliedern des Hauses Waldburg, organisiert vom ‚Volksverein für das katholische Deutschland‛, der ab 1890 fast die letzte Pfarrei erfasst. Gegen die Versuchungen der Sozialdemokratie ruft die Kirche ihre gläubigen Arbeiter und Arbeiterinnen in lokalen Standesvereinen zusammen, die sich wiederum zu oberschwäbischen Bezirkskonferenzen treffen. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts gründet und leitet ein oberschwäbischer Pfarrer die ‚Zentralgenossenschaft der oberschwäbischen landwirtschaftlichen Vereine‛ für die katholischen Bauern des Oberlandes, der 1917 zum ‚Schwäbischen Bauernverein‛ ausgeweitet wird, um seine „Mitglieder in geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Hinsicht zu heben“133, als Sonderorganisation neben dem württembergischen landwirtschaftlichen Hauptverband, mit dem sich der Bauernverein 1921 vereinigt.

Gegen die flächendeckende Vorherrschaft des Zentrums gehen die anderen Parteien mit eigenen regionalen Aktivitäten an. Die Volkspartei sucht sich vergeblich durch oberschwäbische Parteitage ab 1891 zu behaupten, die Nachfolgepartei Deutsche Demokratische Partei gründet 1919 einen oberschwäbischen Gauverband mit Parteisekretariat in Ravensburg. Die sozialdemokratische Landesorganisation richtet für die oberschwäbische ‚Parteidiaspora‛ 1912 das erste Regional-Sekretariat in Ulm ein, dessen Wirkungsbereich aber 1925 auf altwürttembergische Oberämter ausgedehnt wird und 1928 aufgelöst werden muss. Die Ulmer ‚Donau-Wacht‛ versorgt 1911 bis 1933 auch die Oberländer Parteigenossen mit Informationen. Selbst die KPD, die in ihren Schwerpunkten Friedrichshafen und Ravensburg bisweilen die SPD an Wählerstimmen überrundet, gibt für ihre Sympathisanten „im Oberland auf vorgeschobensten Posten, umtobt von Haß und Verleumdung“ einige Monate 1921/22 eine Zeitung, die ‚Oberschwäbische Freie Presse‛, heraus. Die „oberschwäbischen Provinzkommunisten“ im „schwärzesten Winkel Deutschlands“ werden im Unterbezirk Oberschwaben (später Ulm-Ravensburg) erfasst134.

Vor und um 1900 erfolgen im Zuge einer allgemeinen Blüte des Verbandswesens eine Reihe von Gründungen regionaler Organisationen: Der oberschwäbische Turngau 1877, der oberschwäbische Schützenverband 1878, der naturwissenschaftliche Verein für Oberschwaben 1879, der oberschwäbische Sängergau 1885 und Ende des Jahrhunderts der Gau-Verband der oberschwäbischen Arbeiter-Bildungsvereine. Um 1900 schließen sich die oberschwäbischen Gewerbe- und Handwerkervereinigungen zu einem Gauverband zusammen, der jährlich große Gautage veranstaltet, auf denen lautstarke Forderungen des gewerblichen Mittelstands vorgetragen werden. Um die Jahrhundertwende bilden die Städte den ‚Oberschwäbischen Städteverband‛ mit regelmäßigen Städtetagen. Die oberschwäbischen Amtskörperschaften gründen 1909 den Bezirks-(Zweck)Verband der heute noch bestehenden Oberschwäbischen Elektrizitäts-Werke, um die Stromversorgung der ländlichen Gebiete sicherzustellen135. Auf Initiative des im Weltkrieg rapide gewachsenen Luftschiffbaus Zeppelin verfolgen die ca. 50 größeren Firmen im 1920 gegründeten ‚Industrieverband Oberschwaben‛ den Zweck, „die gemeinsamen Interessen der Mitglieder zu wahren und zu fördern, zu Fragen des Verkehrs u. a. [...] Angelegenheiten gemeinsam Stellung zu nehmen und auf Erhaltung geordneter und friedlicher Beziehungen zwischen den Mitgliedern und ihren Arbeitnehmern hinzuwirken“136, worunter der Verband auch die Durchsetzung einer mehrwöchigen Aussperrung 1922 versteht. Die vielen kleinen, durchweg zentrumsfreundlichen Bezirkszeitungsverlage schließen sich 1922 zum ‚Verband oberschwäbischer Zeitungsverleger (VERBO)‛ zusammen137, dessen ‚oberschwäbische Verlagsgesellschaft‛ in Friedrichshafen die wirtschaftlich weiterhin selbständigen Zeitungen mit dem gemeinsamen politischen Mantelteil beliefert, ein Kartell, das nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Lokalausgaben der ‚Schwäbischen Zeitung‛ wieder auflebt.

In der Revolution von 1918/19 flattern wieder rote Fahnen über oberschwäbischen Städten und entstehen wie in der Revolutionen von 1525 und 1848 spontane Vertretungsorgane, in diesem Fall die Arbeiter-, Bauern-, Bürger- und Soldatenräte. Sie erwarten Änderungen oder auch Bewahrung von ‚oben‛, von Stuttgart und Berlin, nicht durch Eigeninitiative in Oberschwaben138. So suchen sie den Kontakt mit Stuttgart, aber nicht untereinander in der Region. Anders als 1848/49 kommt es zu keinen regionalen Versammlungen. Die Revolution schwächt mit dem Abtritt des Monarchen den württembergischen Landespatriotismus, doch beteiligt sich nun dauerhaft das Zentrum an der Regierung und stellt von 1928 bis 1933 auch den Staatspräsidenten. Der kirchenpolitische Gegensatz kann in Oberschwaben nicht mehr gegen Stuttgart mobilisiert werden, in Stuttgart regieren jetzt oberschwäbische Katholiken mit. Der Staat verzichtet auf die Reste staatskirchlicher Bevormundung. Nach der Niederlassung der Benediktiner in Weingarten strömen noch mehr Oberschwaben zum Blutritt als der Manifestation oberschwäbischer Katholizität, aber nicht mehr im Protest gegen Stuttgart, sondern im Widerstand gegen den abstrakt beschworenen ‚Zeitgeist‛ in der massenhaften Begegnung „mit dem Herrgott zu Pferde“139. Nur zu Beginn der Republik passiert das Schlimmstmögliche: In der Regierung sitzen Sozialdemokraten, am Anfang gar Sozialisten, und es kostet die Zentrumsführer arge Gewissensbisse, die ihnen durch die Revolution zugefallene Mitverantwortung zu tragen. Die Mehrheit der Sozialdemokraten im Landesausschuss der Arbeiterräte hat als Vertreter des Oberlandes nur den gemäßigten Arbeiterratsvorsitzenden aus Biberach geduldet, nicht aber Delegierte aus dem viel wichtigeren, aber radikaleren Friedrichshafener Rat. Über einen rasch gegründeten Verband oberschwäbischer Landwirte schafft sich der Vorsitzende des Bauernrats Leutkirch ein Sprungbrett zum Vorsitzenden des Landesbauernrats und schließlich in die Landwirtschaftskammer.

Die Nazis liquidieren viele der zuvor angesprochenen Organisationen und schalten die übrigen gleich. Eine erste Kreisreform 1938 zerschlägt die seit 1810 im Wesentlichen stabile Oberamtseinteilung und reduziert die bisherigen zehn Bezirke auf sechs Kreise, zudem reicht der Südteil des Kreises Ulm jetzt ins Oberland. Die NSDAP versucht, in ersten ‚Oberschwabentagen‛ und Ausstellungen ‚Kunstschaffen in Oberschwaben‛ regionale Gefühle zu instrumentalisieren und zu mobilisieren140, aber nicht nur mit der regionalen Interessenorganisation ist es für zwölf Jahre zu Ende. In blutiger Zeit wird auch kein Blutritt mehr geduldet.

Im Widerspruch zum altwürttembergischen Dünkel, gefördert durch ein neues katholisches Selbstbewusstsein, entstand eine neue positive regionale Identität, schließlich, wenn nicht durch die ‚Dialektik der Aufklärung‛, so durch die ‚Dialektik der Rückständigkeit‛ auch eine positive Einschätzung von außen. Wenn Hans-Georg Wehling meint: „Zu Oberschwaben wurden diese Menschen durch die Unterwerfung unter Württemberg“141, wird man dieser Einschätzung widersprechen. Oberschwaben ist kein „Produkt des 19. Jahrhunderts“142, die strukturellen Voraussetzungen wurden in den Jahrhunderten zuvor geschaffen, im 19. Jahrhundert hätte sich nicht so lange eine Österreich-Nostalgie gehalten. Aber im 19. Jahrhundert erhielt Oberschwaben klare, allerdings engere Grenzen und es begann, sein Eigenbewusstsein deutlicher zu artikulieren. Wenn die Oberschwaben ihre Eigenheiten artikulierten, dann lange gegen die Kritiker, aus einem Gefühl der Diskriminierung und Benachteiligung heraus. Aus Trotz wurde Stolz. Mit dem beginnenden Tourismus wurde, was vorher als Rückständigkeit beklagt und belächelt wurde, zur Attraktion143. Der verachtete Barock wurde neu geschätzt. Der Rückstand in der Industrialisierung verhalf zur „glückhaften Rückständigkeit“. „Unterländer Puritanismus und oberschwäbische Genussfähigkeit“ verkehrten nun ihre Wertigkeit, was vorher geschmäht wurde, wurde nun gepriesen und umgekehrt144.

Oberschwaben war keine politische Landschaft mehr, regionale politische Gestaltungsräume gab es nicht mehr. Was sich an regionalen Organisationen bildete, beschränkte sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf pragmatische Interessenvertretung. Sie verstärkten aber über ihre Binnenkommunikation, ihre Versammlungen und den steten Hinweis auf regionale Defizite und Differenzen regionales Bewusstsein. Oberschwaben-Bewusstsein im 19. und 20. Jahrhundert war regionales, nicht regionalistisches Bewusstsein. Von den Träumen einzelner Standesherren abgesehen, die aber schließlich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch ihren Frieden mit dem württembergischen Staat schlossen, dachte niemand mehr an eine eigenständige politische Organisation, an eine wie immer geartete Autonomie. Landtag und Verwaltung hatten sich als erfolgreiche Integrationsinstrumente und -foren erwiesen, dem König jubelten die Oberschwaben nach den 1850er Jahren nicht weniger zu als die Altwürttemberger. Die Oberschwaben hatten keine Probleme mehr, sich mindestens gleichrangig als württembergische Patrioten wie als oberschwäbische Katholiken zu fühlen. 1822 wurde der ‚höhere Staatsbürgersinn‛ vermisst und geklagt: „Wir haben Alt- und Neuwürttemberger [...], Vorderösterreicher, Reichsstädter [...], aber noch haben wir kein württembergisches Volk“ und 1844 hieß es noch, die „Oberschwaben fühlen sich noch [...] wenig in diesem Verbande [Württemberg] heimisch“145. Aber Ende des 19. Jahrhunderts gab es ein württembergisches Volk. Länger dauerten die Differenzen auf der nächsten Identitätsebene: Alle oberschwäbischen Abgeordneten in Frankfurt stimmten großdeutsch, lange hoffte man auf ein Deutschland unter Einschluss von Österreich, aber im Kaiserreich absolvierten auch die Oberschwaben Sedansfeiern und feierten Kaisers Geburtstage fast so, aber doch etwas pflichtgemäßer, wie die Geburtstage ihres Königs.

Ein eigener, interner Diskurs fand kaum statt. Ein publizistisches Sprachrohr für den Gesamtraum existierte nicht. Die Zeitungen mit regionalem Anspruch im Titel (schon 1804-1809: Oberschwäbisches allgemeines Intelligenz- und Wochenblatt – Kempten, später: Anzeiger vom Oberland - Biberach, Volksfreund für Oberschwaben - Ehingen, Oberschwäbischer Anzeiger - Ravensburg, Der Oberländer - Saulgau, Oberschwäbisches Volksblatt - Tettnang) waren bloße Bezirksblätter. Mit den Klöstern hatte man die höheren Bildungseinrichtungen und das wissenschaftliche Potential vernichtet. Nur ganz wenige Bücher befassten sich mit Oberschwaben. Kein eigener Geschichtsverein pflegte das regionale Geschichtsbewusstsein, der Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben mit Sitz im evangelischen Ulm, konnte seinem regionalen Anspruch nicht gerecht werden146. Erst Ende des Jahrhunderts nahm das ‚Diözesanarchiv für Schwaben‛ (ab 1884, 1908-12 ‚Schwäbisches Archiv‛) etliche Jahre die Funktion einer regionalen Geschichtszeitschrift war, ging aber nach dem Tod seines emsigen Herausgebers Paul Beck wieder ein147. Zu gleicher Zeit publizierten Franz Ludwig Baumann mit seinen Quellensammlungen zum Bauernkrieg und mit seiner Geschichte des Allgäus148sowie Joseph Vochezer mit seiner Geschichte des Hauses Waldburg149die ersten umfassenden Werke über größere Teilräume und wichtige Epochen Oberschwabens. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb Karl Otto Müller über Entstehung und Verfassung der oberschwäbischen Reichsstädte150und H. Günther gab die Briefe des Weingartener Abtes Gerwig Blarer heraus151. Dann folgte lange bis auf die Edition der Ländlichen Rechtsquellen im nördlichen Oberschwaben nichts Vergleichbares nach152.

War Oberschwaben nach 1810 bereits auf das württembergische Oberland beschränkt worden, so begann es gegen Ende des Jahrhunderts im Süden zu ‚erodieren‛. Die württembergische Südbahn hatte 1850 in Friedrichshafen den See erreicht. Friedrichshafen mit der Sommerresidenz des württembergischen Königs und seine Umgebung lockten nun nicht mehr nur die Stuttgarter Honoratioren zu einem Sommerfrische-Aufenthalt, die Bahn brachte im Sommer Verein um Verein zu einem Sonntagsausflug mit Dampferfahrt auf dem ‚Schwäbische Meer‛. Eine Flut von Bodenseeführern wurde den Touristen angeboten153. Im späten 19. Jahrhundert brach ein Gründungsfieber von Bodensee-Organisationen aus: kaum ein Berufsstand, der sich nicht bodenseeumspannend zusammenschloss, die Parteien veranstalteten ihre Bodenseetreffen. Der Bodenseegeschichtsverein pries die glorreiche, vor allem mittelalterliche Vergangenheit der Bodenseelandschaft, druckte in seinen Jahresschriften aber fast nur Einzeluntersuchungen. Auch wenn man kaum ein gemeinsames Regionalbewusstsein der Bodenseeanwohner unterstellen kann, gegenüber der Publikationsflut über den Bodensee war Oberschwaben auf dem Buchmarkt so gut wie nicht präsent154. Die Zahl der Oberschwabenorganisationen dürfte gegenüber den Bodenseevereinigungen ebenfalls deutlich geringer gewesen sein, doch waren die Aktivitäten der Bodensee-Organisationen weniger auf Effektivität als auf Geselligkeit ausgerichtet und beschränkten sich meist auf jährliche Treffen155.

Oberschwaben war im 19. und frühen 20. Jahrhundert keine politische Landschaft mehr. Es wurde von keiner noch so schwachen staatlich-politischen Klammer zusammengehalten. Es war zur Bewusstseinslandschaft geworden, zunächst im Trotz, dann im bescheidenen Stolz, später bereits überlagert vom württembergischen Landesbewusstsein, im Süden in beginnender Konkurrenz mit einer Bodensee-Orientierung. Welchen Stellenwert oberschwäbisches Eigen- und Selbstbewusstsein über die Kreise der Honoratioren und Autoren hinaus im Denken der Bevölkerung hatte, muss freilich offen bleiben. Doch gibt es viele Indizien, dass der Stolz, der in der von dem Ravensburger Landrat Dr. Guntram Blaser später so gern zitierten Sentenz zum Ausdruck kommt, „Schwabe zu sein, ist eine Gabe, Oberschwaben zu sein, ist eine Gnade“, von vielen Oberschwaben geteilt wurde156.

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