Elmar L. Kuhn

Oberschwäbische Modelle


Fort- und Rückschritte

Rückständigkeit worin, woran gemessen? Rückstand bemisst sich an der Vorstellung eines eindeutig verlaufenden Fortschritts, eines zwangsläufigen Modernisierungsprozesses. Dieser Modernisierungsprozess verläuft im wesentlichen in zwei Dimensionen: einmal der Technologie-Ökonomie mit dem Indikator wirtschaftliches Wachstum und im Idealfall damit gekoppelt in einer gesellschaftlichen Dimension, gekennzeichnet durch strukturelle soziale Differenzierung, Wertewandel, Mobilisierung, Partizipation und institutionelle Konfliktregelung5. Mittlerweile kennen wir alle die Folgen einer entfesselten Entwicklung in der technologisch-ökonomischen Dimension in ihren zerstörerischen Folgen für die Gesellschaft. Joseph Roth fasst dies aphoristisch zusammen: „Wir sind 10 000 Meilen weiter, aber nicht einen cm höher gekommen“6und Theodor Adorno spitzt es weiter zu: „Fortschritt ereignet sich dort, wo er endet.“7

Übersetzen wir die vorher zitierten Befunde über die Rückständigkeit Oberschwabens in die Sprache der Modernisierungstheorie, würde das heißen: Oberschwaben hat einen positiv gewerteten Rückstand in der Dimension ökonomischer Entwicklung, gemessen am Industrialisierungs- und Tertiarisierungsgrad, mit positiven Folgen in der gesellschaftlichen Dimension, so dass hier die Zerstörung der Landschaft, Erscheinungsformen sozialer Entfremdung und der Werteverfall noch nicht soweit wie in den Zentren fortgeschritten sind und dies ohne den Preis eines wesentlichen Rückstands an Wohlstand und Lebensqualität8. Dass freilich ein Rückstand der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht immer nur „glückhaft“ empfunden wurde, soziale Nähe und soziale Kälte durchaus zusammengehen können, lässt sich in Maria Beigs Schilderungen oberschwäbischen bäuerlichen Lebens nachlesen.

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