Elmar L. Kuhn

Die deutsche Provinz der Pauliner 14.-16. Jahrhundert


Anfänge

Es gibt zwei Überlieferungen über die Ausbreitung des Paulinerordens in Süddeutschland, eine ältere und eine spätere.

Nach dem ersten Ordenschronisten Gyöngyösi hätte der Generalprior Nicolaus Teutonicus, also der Deutsche, mit Hilfe deutscher Adliger insgesamt sechzehn Klöster „in Alemania et Suevia“ gegründet25.

Eine solche Reise „in patriam suam Sueviam spe propagandae religionis“ bestätigt auch der spätere Chronist Andreas Eggerer, aber nach ihm ging die erste Initiative von Deutschland aus. 1340 seien zwei Eremiten aus Schwaben, Rudolf Mezeller und Hermann von Tennebach, als Vertreter ihrer „confraternitas“ zum Generalkapitel in Buda gekommen und hätten um Anschluss an den Orden gebeten. Sie hätten einst ebenfalls als Eremiten gelebt, sich aber im Laufe der Zeit zu Gemeinschaften zusammengeschlossen und Oratorien erbaut. Das Generalkapitel stimmte der Aufnahme zu , setzte Rudolf Mezeller als Generalvikar ein, der die Konvente visitieren sollte, danach sei ein Provinzialprior zu wählen26. Es soll also in Schwaben schon eine „confraternitas“ von Eremitengemeinschaften gegeben haben, die nach 1340 als erste Provinz in den Paulinerorden aufgenommen wurde. In Schwaben wäre dann mit dem Zusammenschluss von Eremiten und Eremitengemeinschaften und der Organisation in einem von der Kurie anerkannten Orden nachvollzogen worden, was sich ein Jahrhundert zuvor in Ungarn entwickelt hatte. Für erste Bemühungen um den Anschluss süddeutscher Eremiten an den Paulinerorden um 1340 spricht, gleich ob sie von den Eremiten selbst oder von Nicolaus Teutonicus ausgegangen sind, dass am 26. 5. 1341 die Erzbischöfe von Gran und Kalocsa als vom Papst beauftragte Konservatoren des Ordens der deutschen Geistlichkeit die Bulle Johannes’ XXII. von 1328 mit der päpstlichen Bestätigung des Ordens, der Exemtion und Zehntfreiheit mitteilten27.

Der Vergleich dieser Berichte mit den Quellen der süddeutschen Konvente ergibt einige Merkwürdigkeiten. Die Herkunftskonvente des ersten Provinzials und seines Begleiters nach Buda, „in der Awe prope oppidum Sulz“ und „Tennebach“28, können nicht lokalisiert werden und tauchen außer im Bericht des Ordenschronisten nie mehr auf. Soweit Einsiedler ohne Ordensbindung in Orten späterer Paulinerkonvente bekannt sind, liegen fast alle Nachweise nach 1340: so auf dem Kaiserstuhl 134429, in Rohrhalden 134830, Tannheim vor 135331, Argenhardt 135532, in Gundelsbach ebenfalls 135533 und in Anhausen sogar noch 139034.

Zwar wollte Graf Philipp von Sponheim-Dannenfels und Loretha von Bolanden bereits 1335 ein Paulinerkloster auf dem Donnersberg begründen, doch konnten die ersten Mönche erst 1370/71 nach einer erneuten Schenkung dort einziehen35.

Die ersten sicheren Ersterwähnungen von deutschen Paulinerklöstern setzen erst 1351 mit Ebnit in Vorarlberg ein36. Im ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende entstanden in rascher Folge sieben Niederlassungen, ein Drittel aller deutschen Klöster, fast die Hälfte aller lokalisierbaren: Nach Ebnit Tannheim im Schwarzwald bei Villingen 1353, bei dessen Gründung erstmals ein Provinzial auftrat37, Rohrhalden bei Rottenburg am Neckar 1358, Argenhardt bei Tettnang und Gundelsbach bei Waiblingen 1359, Kirnhalden im Breisgau und Grünwald bei Lenzkirch im Schwarzwald 1360. Es folgten in Abständen Blümlistobel im Thurgau 1366, St. Jakob auf dem Donnersberg in der Pfalz 1370, St. Peter auf dem Kaiserstuhl 1373, Goldbach in Hohenlohe 1382 und Rotes Haus bei Basel 1383 bzw. 1421. In den zehn Jahren zwischen 1396 und 1405 wurden wieder vier Klöster gegründet: St. Oswald im Bayrischen Wald 1396, Bonndorf im Schwarzwald 1402, Anhausen bei Schwäbisch Hall 1403 und Langnau ebenfalls bei Tettnang nahe dem Bodensee 1405. Zuletzt bezogen die Pauliner noch 1437 Maihingen im Ries.

Die Etablierung des Ordens in Südwestdeutschland lässt sich nach der Jahrhundertmitte auch anhand einer Reihe von Vidimierungen päpstlicher Bullen durch die rheinischen Bistümer und einige explizit an die deutschen Pauliner gerichtete Bullen verfolgen. Johannes de Silva Nigra ließ sich am 5. 1. 1353 wohl für das neugegründete Kloster Tannheim vom Konstanzer Generalvikar eine Kopie der von den ungarnischen Bischöfen vidimierten Bulle Johannes’ XXII. beglaubigen38. Wenig später am 21. 6. 1353 bestätigte der Generalvikar auch eine Bulle Clemens’ VI. von 1352 und ihre Ausführung durch den Bischof von Veszprem, wonach den Konventen Pfarrrechte gegenüber ihren Familiaren und nochmals Zehntfreiheit eingeräumt wurde39. Der Straßburger Bischof vidimierte die gleichen Bullen von 1328 und 1352 am 1. 2. 136040. Erstmals sprach am 7. 5. 1364 ein Papst direkt die deutschen Brüder an. Urban V. forderte die Bischöfe auf, gegen Personen in Ungarn und Deutschland vorzugehen, die unberechtigt den Paulinerhabit trügen oder aus Paulinerklöster entwichen seien und umher vagierten41. 1365 und 1366 ließ sich der Provinzial Nikolaus mit anderen von den Bischöfen von Straßburg für Kirnhalden, von Konstanz für Blümlistobel und von Basel eine andere Urkunde Urbans V. von 1364 vidimieren, in der wiederum die Bulle Johannes XXII. von 1328 bestätigt wurde42. Zwischen 1365 und 1371 stellte der Konvent von Grünwald Abschriften von drei Urkunden des Kardinallegaten Gentilis und acht päpstliche Bullen für den Paulinerorden von 1323 bis 1367 zusammen und trug später noch zwei Bullen von 1371 und 1377 nach43. Der Bischof von Worms beglaubigte am 24. 8. 1370 die Bullen von 1328 und 1352 wohl auf Wunsch der Brüder auf dem Donnersberg44. Am 7. 10. 1371 bestätigte Papst Gregor XI. eigens „pro partibus Alemaniae contra detractores“ die Bulle von 1328 und in einem Schreiben vom 15. 10. 1371 an die Bischöfe in Ungarn und Deutschland wiederholte er die Aufforderung Urbans V. von 136445. Der Bischof von Konstanz befolgte am 28. 4. 1402 dieses Mandat und exkommunizierte die Begarden und Lollarden, die unberechtigt Eremitenkleider trügen46. Die letzte allgemein an die Pauliner gerichtete Papstbulle, die die deutschen Ordensangehörigen vidimieren ließen, stellte Bonifaz IV. am 22. 2. 1402 aus, wonach er Übertritte von Paulinern in andere Orden verbot. Die Offiziale der Bistümer Basel und Straßburg vidimierten diese Bulle 141247. Von den etwa vierzehn Bullen, die Martin V. auf dem Konstanzer Konzil für die Pauliner ausstellte, haben sich nur die Schutzbriefe und Privilegienbestätigungen für Anhausen, Bonndorf, Goldbach und Langnau in Kopialbüchern dieser Klöster erhalten48. Die Reihe schließt ab mit einem Vidimus des Offizials des Basler Konzils, der wiederum die Bullen von 1328 und 1352 beglaubigte49.

Aus dem erhaltenen Urkundenbestand lässt sich ersehen, welche päpstlichen Bullen die deutschen Pauliner für besonders wichtig erachteten: es waren die päpstliche Anerkennung des Ordens von 1328 mit insges. acht Vidimierungen bzw. Kopien, die Bulle von 1352 mit der Zusicherung der Zehntfreiheit und Seelsorge für die Familiaren mit vier Kopien, die Bulle von 1402 mit dem Verbot des Übertritts zu anderen Orden mit zwei Vidimierungen und die Schutzbriefe Martins V. in vier Ausfertigungen. Das wichtige „Mare magnum“ von 1371 und die endgültige Exemtion von 1377 wurden nur in Grünwald kopiert50.

Die südwestdeutsche Klosterlandschaft war im 14. Jahrhundert schon dicht besetzt51. Die Pauliner waren folglich „ein Orden der zweiten Stunde“, der sich mit einer Nischenexistenz zufrieden geben musste52. Warum dann diese ein halbes Jahrhundert kaum überdauernde Gründungseuphorie? Mit ihrer wenige Jahrzehnte nach der päpstlichen Anerkennung immer noch eremitisch-asketischen Prägung schienen sie offenbar noch wenig berührt von den Verfallserscheinungen der anderen Orden. Sie wurden in Zeiten und Landschaften der Krise und Angst gerufen, einer Krise der Landwirtschaft, der feudalen Einkünfte, der Pest ab 134953 und des Ansehensverfalls der Kirche während ihrer avignonesischen Gefangenschaft und des anschließenden Schismas. Adlige Fehden machten das Land unsicher. Die Bauern flohen vor dem feudalen Druck in die Städte. In den Städten kämpften Patriziat und Zünfte um die Vorherrschaft. Die Bürger wehrten sich in den Städtekriegen gegen die Bedrohung durch die adligen Territorialherrschaften. Die Habsburger suchten vergeblich die Eidgenossen niederzuringen. Die Päpste warben sich gegenseitig ihre Anhänger ab. Da schien ein Orden, der die Einsamkeit suchte, zunächst noch weitgehend von eigener Hände Arbeit lebte, Dorfherrschaft ablehnte und sich auf Gebet, Askese und Meditation konzentrierte, aussichtsreichere Fürsprache im Himmel bewirken zu können als die alten materiell und spirituell selbst in der Krise befindlichen Klöster. So hofften die Stifter wohl auf „eine Kirchenreform im kleinen durch Verwendung von armen und anspruchslosen Mönchen“54.

Auch andere deutsche Landschaften litten in dieser Krisenzeit, aber warum verbreitete sich der Paulinerorden nur im deutschen Südwesten? Die persönlichen Kontakte des Ordensgenerals Nicolaus Teutonicus und schwäbischer Adliger müssen wohl den Anstoß zur Ansiedlung des Ordens in dieser Landschaft gegeben haben und die ersten Konvente mögen dann in die Region ausgestrahlt haben. Manche der adeligen Stifter, wie die Herren von Wolfurt, vielleicht auch die Grafen von Montfort und die Herren von Ems, können den Orden auch als Söldnerführer im Dienste der ungarischen Anjou kennen gelernt haben55.

Konnten die Pauliner in Ungarn mit der Unterstützung der Könige und in Polen der Herzoge rechnen, so waren sie hier der Orden der mittleren und kleineren Herren. Fürstlichen, aber minderen Ranges waren nur die Markgrafen von Baden-Hachberg (Kirnhalden und später St. Peter auf dem Kaiserstuhl) und die Landgrafen von Leuchtenburg (St. Oswald), die größten Gruppen stellten die Grafen, vorab die schwäbischen, die Grafen von Fürstenberg (Tannheim), Hohenberg (Rohrhalden), Montfort (Argenhardt und Langnau) und Öttingen (Maihingen), sowie die fränkische Gräfin von Hohenlohe (Goldbach), und der Niederadel, die Herren und Ritter von Ems (wohl Ebnit), Blumegg (Grünwald), Üsenberg (ursprünglich St. Peter auf dem Kaiserstuhl), Wolfurt (Bonndorf), Hornburg (Anhausen), Richenstein und Münch von Münchenstein (Rotes Haus). Nur in Gundelsbach und anfänglich auch in Rohrhalden engagierten sich Bürger.

Das Gründerfieber dauerte so lange wie die spätmittelalterliche Agrarkrise. Mit der beginnenden Erholung schwand die Attraktivität der Pauliner, sie hatten sich allzu rasch in die südwestdeutsche Klosterlandschaft integriert. Sie verloren ihre Sonderstellung im 15. Jahrhundert, als die anderen Orden Reformanstrengungen unternahmen und Zweige strengerer Observanz bildeten. Sie sorgten sich nun ebenso sehr wie um ihr Seelenheil um die Sicherung ihres Erdendaseins56. Ein letzter Glanz fiel auf sie beim Konstanzer Konzil, als ihnen der deutsche und ungarische König Sigismund 1415 und Papst Martin V. 1418 Schutzbriefe und Privilegienbestätigungen ausstellten57.

Copyright 2022 Elmar L. Kuhn