Elmar L. Kuhn

Die Spiritualität ... im Spiegel der Visitationen


Spiritualität durch Visitation?

Welche Einsichten in die Spiritualität der schwäbischen Pauliner vermitteln uns nun die Berichte der Visitatoren? Ein Resümee fällt schwer, ich versuche beide Perspektiven einzunehmen, die der Visitierenden und die der Visitierten. Zentrales Urteilskriterium der in der Regel aus Ungarn, gelegentlich aus Österreich anreisenden auswärtigen Generalvisitatoren war die „uniformitas“, die Gleichförmigkeit des Ordenslebens in allen Provinzen und Klöstern. Sie achteten besonders auf das „officium divinum“ mit seiner im Orden vorgeschriebenen Erweiterung um das Officium parvum Mariae Beatae Virginis, auf die geistlichen Übungen, hier insbesondere die Meditation, aber auch das Fasten. Distanz zur Welt sollte wenigstens durch strenge Klausur gehalten werden. An die eremitischen Anfänge sollte durch den billigen Stoff des Habits und die Barttracht erinnert werden. In der Ordensverfassung wurde immer wieder eine bessere Verbindung zur Ordenszentrale und die klare Trennung der Leitungsebenen von Provinz und Konventen angemahnt.

Im Blick auf die Provinz bildeten bei den schwäbischen Paulinern durchaus Eucharistiefeier und Chorgebet die Mitte monastischer Existenz, zumindest in den formierten Konventen. Die Visitatoren äußerten daran, abgesehen vom Zeitpunkt der Matutin, wenig Kritik. Die in den Konstitutionen vorgeschriebenen geistlichen Übungen wurden im wesentlichen - moderat - eingehalten. Spezifischen Frömmigkeitsformen wie der Meditation blieben die Mönche bis zum Schluß treu. Äußerlich suchten sich die Patres vom traditionellen mönchischen Erscheinungsbild abzusetzen, indem sie die Kapuzen ab- und Krägen anlegten. Von einer Erinnerung an die eremitische Herkunft hatten sie sich schon um 1700 getrennt, als sie gegen den Protest der Ordensleitung die Bärte abnahmen.

Die Bibliotheksbestände ermöglichten zwar durchaus eines intensives Selbststudium122, doch scheint das Ordensstudium in Langnau von eher bescheidenen Niveau, wissenschaftliche Publikationen und Leistungen der schwäbischen Pauliner sind nicht bekannt123. Stärker haben sich die Patres in der Pfarrseelsorge engagiert. Seit dem späten 17. Jahrhundert scheinen die Pfarrkinder mit der Betreuung durch die Pauliner im wesentlichen zufrieden gewesen zu sein, auch wenn sie über die häufigen Wechsel der Pfarrvikare klagten.

Von einer besonders marianischen Ausrichtung des Ordens war noch nichts zu spüren. Ende des 18. Jahrhunderts bemühten sich die Mönche sogar um die Befreiung vom Officium parvum. Daß der Visitator 1802 eine Kopie des Tschenstochauer Gnadenbildes in Bonndorf hervorhob, und daß auch in Langnau sich eine Kopie befand, wird kaum als Gegenindiz gewertet werden können. Die Pauliner betreuten in Schwaben keine Marienwallfahrt, wohl aber Wallfahrten zu lokalen Seligen wie in Hiltensweiler zu Arnold und in Tannheim zu Cuno mit jeweils kleinräumlicher Ausstrahlung. Als Patrone eigener Bruderschaften propagierten sie die Heiligen Schutzengel, den Heiligen Paulus124und den Heiligen Johannes Nepomuk.

Wenn die Entwicklung im Zeitablauf überblickt wird, muß bedacht werden, daß nach dem 30jährigen Krieg überhaupt erst wieder alle Konvente besetzt und allmählich vergrößert werden mußten. Zählte die Provinz 1643 nur 22 Professen, war sie 1718 wieder auf 34 angewachsen, erreichte 1760 den Höchststand mit 50, um dann wieder etwas zurückzugehen. Gemeinschaftsleben mußte im 17. Jahrhundert oft erst wieder eingeübt, die neuen Konstitutionen von 1643, die dem Orden eine weitgehend neue Verfassung gaben, erst akzeptiert werden. So scheinen die Visitationen bis ins 18. Jahrhundert vor allem Wert auf äußere Festigung und rigide Formen Wert gelegt zu haben, während im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts eher die innere Motivation und Berufung gestärkt und der Sinn mönchischer Existenz bewußt gemacht werden sollte. Die Aufhebung der größeren Konvente durch Josef II. stürzte die verbliebenen kleineren Klöster in den 1780er Jahren in eine Krise, so daß die völlige Auflösung drohte, die aber in den 90er Jahren wieder überwunden wurde.

Das Verhältnis der Ordensleitung und der schwäbischen als der kleinsten und entferntesten Provinz des Ordens war selten spannungsfrei. Dazu mag die geringe Aussicht für die schwäbischen Mönche beigetragen haben, in die Ordensleitung aufzusteigen. Es gibt auch keine Hinweise, daß schwäbische Patres zu Generalvisitatoren in anderen Provinzen berufen wurden, sie blieben immer Kontrollierte, konnten die Normen nicht als Kontrolleure internalisieren. Auf Dauer differierten offenbar die Vorstellungen über Profil und Praxis des Ordens. Im östlichen Mitteleuropa hatte man strengere Vorstellungen von paulinischer Mönchsexistenz als in Schwaben, wo man immer Milderungen der vorgeschriebenen Pflichten beantragte. Für ein gesichertes Urteil müßten allerdings Visitationsberichte anderer Provinzen verglichen werden.

Gegen Kritik der Visitatoren an Abweichungen von Ordensvorschriften beriefen sich die hiesigen Pauliner häufig auf das Beispiel anderer Orden in Schwaben. Angleichung an die regionale Umwelt leitete das eigene Verhalten mindestens ebenso an, wie das in den Konstitutionen implizierte, aber nicht explizierte ordenseigene Charisma. Diese Angleichung bot sich um so mehr an, als die Widersprüche zwischen spiritueller Norm und realer Praxis, zwischen kontemplativem Anspruch und pastoralen Aufgaben sich als kaum lösbar erwiesen125. Auch wenn die Patres auf die „mutationes“ nicht verzichten wollten, hat der häufige Wechsel zwischen den größeren Konventen mit ihrem gefestigteren monastischem Gemeinschaftsleben und den kleinen Residenzen mit ihren vornehmlich seelsorgerlichen Aufgaben die Ausbildung einer spezifischen Ordensspiritualität nicht gerade gefördert. Vergleicht man Leben und Beten der schwäbischen Pauliner mit andern Orden in Schwaben, so dürfte sich ihr Alltag und ihre Spiritualität nicht sehr von kleineren Benediktinerprioraten und in den Residenzen von kleinen ländlichen Chorherrenstiften unterschieden haben126.

Wenn überhaupt eine paulinische Spiritualität umrissen werden kann, wie sie in den Visitationen dokumentiert wird, dann dominierte zumindest im Anspruch ein monastisches Selbstverständnis, das durch kontemplative und sehr moderate asketische Elemente die Erinnerung an die eremitischen Anfänge bewahrte und in der Praxis häufig durch die Anforderungen der Seelsorge durchbrochen wurde. Ist es schon schwer, die Pauliner-Spiritualität zu fassen, so muß zudem mit erheblichen Unterschieden unter den Provinzen gerechnet werden. Im Urteil der Visitatoren unterschied sich die schwäbische Provinz vom übrigen Orden dadurch, daß dort die Ordensstatuten laxer gehandhabt, die Frömmigkeitsübungen (Stundengebet, Wochenkapitel, Fasten) etwas weniger ernst genommen und monastische Distanz zur Welt weniger gewahrt wurde.

„Per solitudinem, silentium, capitulum, visitationem Cartusia permanet in vi“127, rühmen sich die Kartäuser. Formell waren die Voraussetzungen auch bei den Paulinern gegeben. Warum erwiesen sich die Instrumente Kapitel und Visitation bei ihnen weniger erfolgreich? Mit der „solitudo“, der Abschließung von der Welt und voneinander, nahmen es die Pauliner nicht sehr ernst, die regionale Umwelt und Mentalität drang trotz der abgeschiedenen Lage der meisten Konvente ins Kloster ein. Die zu große „solitudo“ im Orden, d.h. die weite Entfernung von der Ordensleitung und anderen großen Klöstern des eigenen Ordens, erschwerte Kontrolle und geistliche Stärkung. Zu den Generalkapiteln entsandte die Provinz oft keine Vertreter. Mit den Generalvisitationen beauftragte der General zu oft Mitglieder der Provinz als Kommissare, von denen keine realistischen Berichte zu erwarten waren. Vor Zwangs und Strafmaßnahmen scheute die Ordensleitung stets zurück. Ohne „silentium“ gediehen Absprachen und Konspiration.

Visitationen können festigen, korrigieren, strafen, sie setzen Spiritualität voraus, können sie aber nicht erzeugen. Visitatoren und Visitierte konnten sich über die in den Konstitutionen und Generalkapitelsbeschlüssen fixierten Verhaltensregeln verständigen oder streiten, aber mangels ordenseigener autoritativer spiritueller Werke kaum über das, was sie eigentlich beide tragen sollte, paulinisches Charisma, paulinische Spiritualität. Die anderen Mönchsorden, die Mendikanten, die Kartäuser, die Jesuiten, sie konnten sich in ihrer Selbstvergewißerung auf Werke ihrer Ordensgründer oder bedeutender Schriftsteller in der Formierungsphase ihrer Orden beziehen. Kaspar Elm verweist auf die sich „als restriktiv erweisende Ausrichtung des Gründerbildes“ der Pauliner128. Gründerbilder können sich ändern, aber die Pauliner konnten keinen geistlichen Autor aufweisen, auf dessen Autorität man sich hätte berufen und selbst im Streit um die Interpretation deutlichere spirituelle Identität hätte ausbilden können.

Heutige Ordenshistoriker relativieren das Problem: „wer die heutigen Orden kennt, weiß um den gewaltigen Unterschied zwischen der papiernen Wirklichkeit gedruckter Statuten und dem konkreten Leben in den einzelnen Klöstern .... Um es provokativ zu formulieren: Nicht derjenige ist vor Gott und bei den Mitbrüdern der beste Ordensmann, der sich exakt an die Normtexte hält, sondern der die Freiräume dieser Normtexte mit seinen Qualitäten ausfüllt: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Freude an der Seelsorge, Gottverbundenheit usw.“129. In allen von den Paulinern betreuten Kirchen übernahmen nach der Säkularisation ehemalige Patres die Seelsorge. Mit deren Qualitäten, mit Freundlichkeit und Eifer, scheinen die Pfarrkinder zufrieden gewesen zu sein. So waren die schwäbischen Pauliner keine Asketen, keine Heiligen, keine Gelehrten, aber wandten sich als Seelsorger ihren Mitmenschen zu.

Heute sind die Pauliner wieder nach Deutschland zurückgekehrt130. Wieder stellt sich die Frage nach der Spiritualität. Dringlicher als sich einlassende Sorge könnte heute eine Besinnung auf das Charisma der Gründungssituation, ein exemplum der Verweigerung sein: „humilis rusticari in deserto“, „a mundana conversatione seiunctum, plenum pietatis et iustitiae“131. Aber schon die Gründungsväter der schwäbischen Paulinerklöster im Spätmittelalter gingen einen anderen Weg. Wer heute das Rohrhalder Tal, die Kirche Grünwald, gar die Anhäuser Mauer aufsucht und dort zeitenthobene Stille vorfindet, täuscht sich. Schwaben war nicht die Thebais, die schwäbischen Pauliner waren keine Eremiten mehr. Sie lebten in ihrer Zeit, nahe den Dörfern, den Behördensitzen und Residenzen ihrer Landesherren. So stellen sich heutige Pauliner nicht gegen ihre Geschichte, sondern setzen sie fort „offen für aktuelle Erfordernisse der Kirchen ... und fast für jeden Bedarf der Gesellschaft“132.

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