Elmar L. Kuhn

Biographie


Peter Renz und Elmar L. Kuhn, Foto: Verlag Klöpfer & Meyer.
Die Hügel der Erinnerung.
Peter Renz zum 75.

(Kursive Passagen sind Zitate aus Texten von Peter Renz)

Jahrzehnte haben wir aus der Nähe und der Ferne die Wege des anderen, was er schreibt und bewegt, verfolgt. In drei, zumindest für mich wichtigen Phasen meiner Biographie haben sich unsere Wege gekreuzt, glaubten wir, einen Prozess mit fördern zu können, dass Region zur Heimat wird, im Gefühl, es ließe sich doch noch was bewegen in dieser Gegend.

Doch im Blick zurück verschwindet die Erinnerung immer mehr im Dunst der Vergangenheit. So sind es Hügel – am besten Drumlins –, Hügel der Erinnerung, die sich aus den Ebenen der vergangenen Zeit noch erkennen lassen, nicht immer sicher zu orten.

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war die große Zeit. Alles erscheint machbar. Wir entwerfen die Utopien, nach denen alle übrigen glücklich werden können und sollen. An der PH Weingarten diskutiert und entwirft eine studentische Avantgarde die Befreiung zunächst des Individuums, dann der Gesellschaft, organisiert sich in einer Roten Zelle. Hauptquartier ist das VK, ehemaliges Militärkrankenhaus, dann schäbiges Studentenwohnheim. Erste Praxisfelder sind die antiautoritäre Kindererziehung, dann die Befreiung von kleinbürgerlichen Beziehungsformen, bald die Aufklärung der örtlichen Arbeiterschaft. Erst kurz zuvor nach meiner Bundeswehrzeit politisiert gerate ich in den Weingartner Zirkel durch meine Frau. Selbst 1968 Organisationsreferent des AStA in Tübingen informiere ich die Provinzkader über die Debatten in der universitären Metropole. Peter will als Voraussetzung einer stringenteren Strategie eine politökonomische Analyse Oberschwabens erstellen. Ich liefere ihm statistisches Material zu. Dazu besuche ich den Regionalverband im Hinderofen-Palais in Wangen, wo auf Initiative des Landrats Münch ein Oberschwaben-Atlas erstellt wird. Auch ihm geht es um Beheimatung, Sicherung von Heimat-Bedingungen, aber das sahen wir erst später. Der Oberschwaben-Atlas erscheint, die politökonomische Analyse wird nie geschrieben. Die Zweifel an der Revolutionierbarkeit Oberschwabens lassen sich nicht mehr verdrängen. Peter kennt die Weingartner Arbeiter, ich meine dörflichen Mitbürger. Die Avantgarde zerfällt in Fraktionen. Peter, ein Psychologe und ich samt Frauen nutzen die kommunitaristische Idee vom gemeinsamen Leben und Arbeiten zur Flucht in die vermeintliche Idylle. Wir fahren auf Nebenstraßen durch die weichhügelige und blütenselige Landschaft quer durch Oberschwaben und suchen nach leerstehenden Bauernhäusern, wo wir uns niederlassen könnten, steigen über morsche Treppen, klopfen an mürbe Balken und richten in Gedanken die Bauernstube ein. Doch der Psychologe kehrt nach Berlin zurück, Peter nimmt ein Studium an der Universität Konstanz auf, ich verziehe mich nach Ostwestfalen an die neugegründete Universität Bielefeld, wo ich mich bei der Avantgarde der deutschen Geschichtswissenschaft einreihen kann. 1970 hat Peter Renz seinen ersten Auftritt als Schriftsteller im von Walter Münch geleiteten Literarischen Forum Oberschwaben. Ihm gelingt es später, sich dann doch noch den Traum von einer „Hoimet“ im ursprünglichen Sinne auf dem Lande zu erfüllen. Mich schreckt auch später Josef W. Janker, der nie in seine Baustelle einziehen kann.

1979 trat ich den Rückweg von der ostwestfälischen in die oberschwäbische Provinz an, frisch gewählt als Leiter des Kulturamts des Bodenseekreises, das es erst aufzubauen galt. Von Peter war 1980 sein erster Roman „Vorläufige Beruhigung“ erschienen, die Kritik sicherte ihm „einen Platz in den vorderen Reihen der Nachwuchsautoren“ zu, Janker sah ihn „mit Riesenschritten ein prachtvolles Podium“ betreten. Der Autor beschrieb einen Bewusstwerdungsprozess, der ihn am Schluss diesen Roman der Bewusstwerdung schreiben ließ. Die große Zeit war vorüber. Die Zukunft hatte sich geschlossen. Da saßen wir nun fest … und glaubten, einfach überleben zu können… Die Zukunft war uns verschmolzen zu einer ins Nichts verlaufenden Landstraße. Aber Hoffnung konnte noch aus der Vergangenheit geschöpft werden. In einer Randfigur des Romans hatte auch ich meinen Auftritt: In wohltuend unernstem Ton erzählte ein Überlinger, in welcher historischen Landschaft ich eigentlich lebe: Reichsstädte, Bauernkrieg, Barock. Besonders der Bauernkrieg, … wenn man sich vorstellte, dass gerade die Altdorfer jenen historischen Augenblick erlebt hatten, in dem die Geschichte wirklich zu verändern gewesen wäre. … Es gebe doch keine notwendigen historischen Gesetzmäßigkeiten.

Peter gründete 1983 den Drumlin-Verlag mit einem regionalistischen Programm, um ein Zutrauen zu stiften, das dieser Landschaft ein munteres, fast selbstbewusstes Lächeln ins Gesicht trieb. Als Band 1 der Schriftenreihe „Leben in der Region“ erschien der umfangreiche Band „Seegründe. Beiträge zur Geschichte des Bodenseeraums“. Die Herausgeber formulierten in der Einleitung ihre Erwartungen an eine ‚neue‘ Geschichte: Konzentration auf die ‚Bruchstellen‘ der Geschichte, wo alternative Entwicklungen möglich schienen, auf die „unabgegoltene Zukunft“, die „Funken der Hoffnung“ unter der Asche und auf die „Schatten in schöner Landschaft“, die man hierzulande so lange weggeredet hatte. Es galt, „den Menschen dieser Region am Beispiel ihrer eigenen Geschichte zu zeigen, dass der Ausgang dessen, was auf sie zukommt, von ihnen selbst abhängt.“ Ich schrieb in dem Band über Bauernkrieg und Industrialisierung, schloss aber skeptisch: „Aber wen erreichen solche Versuche der Selbstaufklärung einer Landschaft ? Es blieb bei Band 1 der Schriftenreihe.

Anfangs mehrmals, später einmal im Jahr versammelte Walter Münch, der sein Amt als Landrat von Wangen 1973 verloren hatte, die literarische und damit kulturelle Creme der Region im Literarischen Forum um sich. Er hatte mehr als eine Spielwiese für Dichter im Sinn. Sein Forum sollte eine Plattform für eine lebendige kulturelle Auseinandersetzung zwischen Kunst, Politik und Gesellschaft sein. Das ließ sich nicht lange durchhalten. Die Kultur war ja auch schon politisch. Die oberschwäbischen Intellektuellen wollten wieder Schriftsteller sein und führten wieder ihre Werkstattgespräche, übten Kritik als Freundschaftsspiel. Peter zählte zum harten Kern, zur inneren Tischrunde. Im eloquenten Kräfte-Spiel der Kritiker erwartete und erhoffte man stets seinen engagierten oder abwägenden Kommentar. Es war ein geschlossener Freundeskreis, der sich jeden Sommer umarmte, freilich mit offenen Rändern. Ich gehörte zum offenen Rand, der sich nicht weniger freute, an diesem jährlichen Ritual teilzunehmen. Der Kontakt mit dem gefragten Autor reduzierte sich bei diesen Treffen auf kurze Erkundigungen. Vom Wangener Forum ließ ich mich zu einem „Literarischen Forum am See“ des Bodenseekreises anregen, das einer breiteren Öffentlichkeit die Teilnahme an Lesungen Wangener Autoren ermöglichte. In der Reihe „Literatur am See“ wurden die Texte publiziert, u.a. von Peter Renz. Ansonsten banden uns die Mühen der Ebenen auf unseren je eigenen Feldern.

Es dauerte lange bis wir uns wieder zu einem gemeinsamen Projekt zusammenfanden. Die Erwartung an Zukunft war längst geschwunden, dem Trost der Vergangenheit traute man nicht mehr, auch wenn sich eine Einsicht aktualisieren ließ: Alle Bewegungen in der Region waren geschichtlich bisher solche, die auf den Bestand der Provinz gerichtet waren. Sie verteidigten nicht nur eine abstrakte Vorstellung von Heimat, sondern stets ein sinnlich gegenwärtiges, in der Praxis angeeignetes Erfahrungsfeld, Lebensform, Landschaft als Ermöglichungsgrund für alltägliches Dasein. Vom Verschwinden der Heimat schrieb Peter Renz. So war statt Veränderung Bewahrung, statt Maximalismus Minimalismus angesagt. Bewahrung setzt Kenntnis voraus. „Gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.“ 2009 bot mir Peter die Mitarbeit an dem Band „Geschichten aus Oberschwaben“ an in der Reihe der regionalen Anthologien des Verlags Klöpfer & Meyer. Es sollte die Bestandsaufnahme einer Literaturlandschaft sein, die bis vor einigen Jahrzehnten keine war. Der wohlwollend besprochene Band sammelte Berichte von Land und Leuten, Härte der Lebensbedingungen, von Aufbegehren in Vorzeiten, kaum Texte einer Selbstreflexion - geschwärmt vom weiten schönen Land, von barocker Lebenslust haben meist die auswärtigen Besucher. Es ist eine Heimat der Gegensätze wie wohl anderwärts auch, noch etwas weniger zerstört als anderswo, aber auf dem Weg dorthin.

In Oberschwaben hatte sich eine neue ‚Gesellschaft Oberschwaben‘ gegründet, die die „Stärkung des oberschwäbische Regionalbewusstsein“ in ihre Satzung schrieb. Die Bewahrung der „glückhaften Rückständigkeit“ war ihr zentrales Ziel. Die Publikation von Tagungsbänden ist wohl ein unzureichendes Mittel.

Damit ist die Endmoräne meiner Erinnerungen an gemeinsame Wege erreicht. Die Schotterflächen der sog. ‚glazialen Serie‘ liegen weiterhin vor uns.


Elmar L. Kuhn 8. 7. 2021, Wangen Literarisches Forum Oberschwaben

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