Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Edwin Ernst Weber


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Juni 2026

Edwin Ernst Weber: Dankrede für die Verleihung der Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg am 20. April 2026

… Es überrascht und ehrt mich, dass mein berufliches und darüber hinaus auch ehrenamtliches Engagement in der historischen Forschung, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie der Kulturförderung im Landkreis Sigmaringen und in Oberschwaben seit mittlerweile 35 Jahren auf diese unerwartete Weise als wertvoll und verdienstvoll für die Zivilgesellschaft unseres Landes angesehen und gewürdigt wird.

Erlauben Sie mir, dass ich die wesentlichen Anliegen und Ziele meiner historiografischen und kulturellen Bemühungen und Aktivitäten skizziere:

Ich bin der festen Überzeugung, dass für die gemeinsame Gestaltung einer friedlichen, gerechten und humanen Gesellschaft die Kenntnis der Geschichte gerade auch in ihren regionalen und lokalen Dimensionen unerlässlich ist. Die Gegenwart lässt sich nur verstehen, wenn wir um deren Genese und Gewordensein aus den vielfach ganz anderen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnissen der Vergangenheit wissen. Der Blick zurück auf das in vielfacher Form unsichere und bedrohte Leben unserer Vorfahren kann dabei auch Anlass zu Dankbarkeit für unser vergleichsweise privilegiertes und freies Dasein in der Gegenwart sein.

Noch vor 200 und 300 Jahren erreichte nur jedes zweite Neugeborene das Erwachsenenalter und endete jede dritte Geburt für die Mutter tödlich. Gegen ernsthafte Krankheiten und Verletzungen gab es kaum wirksame Behandlungen, gegen die periodischen Seucheneinbrüche waren die Menschen weithin schutzlos. Die Volksernährung war abhängig von den Erträgen der Landwirtschaft und zumal des Getreideanbaus vor Ort. Missernten im Gefolge von Wetterunbilden und Klimaschwankungen wie der sog. Kleinen Eiszeit bedeuteten vielfach Hunger und Not zumal für große Teile der ärmeren Bevölkerung in den Dörfern wie in den vergleichsweise kleinen Städten.

Die soziale Realität auf dem Land bestand in einer harten Klassengesellschaft mit rund einem Drittel landbesitzender und marktfähiger Lehensbauern und einer Mehrheit von in bitterer Armut lebenden Kleinbauern, Taglöhnern und Handwerkern. Ähnlich sozial polar präsentieren sich die vielfach ackerbürgerlich strukturierten Städte mit wenigen patrizischen „Müßiggängern“, Kaufleuten und zünftischen Handwerksmeistern an der Spitze der Hierarchie und den klein- und unterbürgerlichen Schichten der Gesellen, Tagwerker, Knechte, Mägde und Dienstboten als Bodensatz und zugleich Mehrheit der Bevölkerung. Sozialen Aufstieg kennt die vormoderne Gesellschaft kaum. Die sozialen Verhältnisse, in die man hineingeboren wird, bestimmen und begrenzen unentrinnbar das weitere Dasein. Beeinträchtigt und bedroht wird das Leben unserer Vorfahren zudem von häufigen Kriegen und den damit verbundenen Gewalttaten, Plünderungen, Zerstörungen, Kontributionen, Hunger, Krankheiten und Seuchen. Eine mittlerweile 80jährige Friedenszeit, wie wir sie seit 1945 in Mittel- und Westeuropa geschenkt erhalten haben, war den früheren Generationen seit dem Mittelalter nie vergönnt. Die Antworten unserer Vorfahren auf die stetigen Gefährdungen des Lebens bestanden in der religiösen Vergewisserung und dem solidarischen Miteinander, aber eben auch in der Suche, der Ausgrenzung und Verfolgung von Sündenböcken mit schrecklichen Auswüchsen in der mittelalterlichen Juden- und der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung.

Überwölbt von einer feudalen Herrschaftsordnung mit Privilegien der adligen, geistlichen oder auch reichsstädtischen Herren, die von den Abgaben, Diensten und zunehmend auch Steuern der bäuerlichen und bürgerlichen Untertanen finanziert wurden, entwickelte sich seit dem Hochmittelalter eine zumal im deutschen Südwesten weitreichende kommunale Selbstverwaltung und Autonomie in den größer werdenden dörflichen und seit dem 13. Jahrhundert auch städtischen Siedlungen. Die von den wohlhabenden Lehensbauern dominierten und angeführten Dorfgemeinden sind der kommunale Gegenpart, der selbstbewusst und streitbar herrschaftlicher Bevormundung und feudaler Ausbeutung in Leistungsboykotten, Prozessen und auch gewaltsamen Aufständen entgegentritt und über Vergleichsverträge und Gerichtsurteile sowie alltägliche Partizipation der Gemeinden und Landschaften die ländlichen Herrschafts- und Lebensverhältnisse durchaus aktiv mitbestimmt. Der Höhepunkt des Widerstands der bäuerlichen und teilweise auch städtischen Untertanen ist zweifellos der Bauernkrieg von 1525, als unter Berufung auf die Freiheits- und Gleichheitsbotschaft des Evangeliums die überkommene feudale Herrschaftsordnung grundlegend, wenngleich letztlich vergeblich in Frage gestellt wird.

Diesen freiheitlichen Traditionen der Landesgeschichte und konkret dem bäuerlichen Widerstand gegen die feudale Herrschaftsordnung vom Bauernkrieg bis zur Französischen Revolution gilt seit Studientagen das besondere Interesse meiner historischen Forschung und Vermittlung. In deutlichem Kontrast zum verbreiteten Bild des obrigkeitshörigen deutschen Untertanen begegnen gerade auch im deutschen Südwesten politisch selbstbewusste und handlungsfähige Landgemeinden, die ihre inneren Angelegenheiten ungeachtet aller obrigkeitlichen Eingriffe weitgehend eigenständig regeln und ihre Interessen gegen Feudal- und Territorialherren streitbar vertreten. Das Streben nach Freiheitsrechten, bürgerlicher Gleichheit und politischer Partizipation für immer größere Bevölkerungsteile ist indessen keine stetige Erfolgsgeschichte, sondern erfährt auch immer wieder bittere Rückschläge, so etwa im Bauernkrieg von 1525 oder auch in der Revolution von 1848/49, wenngleich es in beiden Fällen der differenzierenden Betrachtung bedarf.

Dass Freiheit und Bürgerrechte auch wieder verloren gehen können, macht auf erschreckende Weise der Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Gewalt- und Unrechtsherrschaft deutlich. Deren verbrecherische Abgründe tun sich nicht nur an fernen Schauplätzen des Völkermords und der Barbarei, sondern auch vor Ort in den Dörfern und Städten unserer Heimat auf, wo politische Gegner verfolgt, die jüdischen Nachbarn entrechtet, ausgeplündert und ermordet, geistig Behinderte und psychisch Kranke als nicht lebenswerte „Ballastexistenzen“ zwangssterilisiert und vergast, osteuropäische Zwangsarbeiter als „Untermenschen“ ausgebeutet und Liebesbeziehungen deutscher Frauen mit Ihnen als „Rassenschande“ kriminalisiert und nicht zuletzt auch Nachbarn wegen unbotmäßiger Meinungsäußerungen denunziert wurden und wegen „Heimtücke“ in Gefängnisse, Konzentrationslager oder aufs Schafott kamen.

Es war und ist mein Anliegen und meine Aufgabe als Historiker, die Abgründe des sog. Dritten Reiches gerade auch in ihren lokalen und regionalen Dimensionen zu erforschen, das Schicksal der Opfer zu dokumentieren, die wenigen Aufrechten und Mutigen im Widerstand gegen das NS-Unrecht zu würdigen und nicht zuletzt auch die Wortführer des NS-Systems sowie die Täter des Unrechts und der Verbrechen zu benennen, wobei Letzteres bis heute vielfach auf Vorbehalte und Ablehnung stößt. Wie ich selbst noch bei Vorträgen, Ausstellungen und Veröffentlichungen in den 1990er Jahren erfahren musste, war der Weg zur heutigen Erinnerungskultur steinig und hürdenreich und letztlich erst nach dem Generationenwechsel in Gesellschaft und Politik frei. Es ist erschreckend und ernüchternd, wenn diese Erinnerungskultur heute in populistischen und rechtstextremen Kreisen als „Schandkult“ diffamiert wird. Ich halte den ehrlichen und ungeschönten Umgang mit der NS-Vergangenheit auf nationaler wie lokaler Ebene für einen Lackmustest für die Demokratiefähigkeit und Humanität unserer Gesellschaft.

Kaum weniger wichtig für die Selbstvergewisserung und Fortentwicklung unserer Gesellschaft ist in meinen Augen die Kultur als öffentliches Dialogforum, als Entwicklungs- und Experimentierfeld für neue Ideen und streitbaren und zugleich respektvollen und zivilisierten Diskurs, der Begegnung und Verständigung über alle bestehenden gesellschaftlichen, sozialen, ethnischen und religiösen Gräben und Grenzen hinweg. In der nach den Abgründen des Nationalsozialismus als Forum des humanen Neubeginns und demokratischen Aufbruchs gegründeten alten Gesellschaft Oberschwaben wurde die Funktion der Kultur programmatisch als „freier geistiger Tauschplatz“ beschrieben, auf dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Vorstellungen sich begegnen und in einen offenen und zivilisierten Austausch treten. Die Kultur in ihren verschiedenen Ausdrucksformen der Musik, der bildenden Kunst, der Literatur und Lyrik, der darstellenden Kunst, der Kleinkunst und vielem mehr laden neben dem ästhetischen Erleben vor allem zur Begegnung und zum Austausch mit anderen, zur Erlangung neuer und veränderter Sicht- und Betrachtungsweisen auf das Leben und die Gesellschaft, letztlich auch zu neuen Perspektiven für gemeinsame und solidarische Antworten auf die Herausforderungen und Gefährdungen des menschlichen Zusammenlebens und der Schöpfung in der Gegenwart ein.

Wesentlich ist dabei nach meiner Überzeugung und Erfahrung, dass die Kultur aus ihren Nischen heraustritt und die kulturellen Begegnungs- und Erfahrungsräume über die zehn Prozent der durch Herkunft und Bildung Kulturaffinen für breite Schichten der Gesellschaft geöffnet und geweitet werden. Ich bin Verfechter eines weiten Kulturbegriffs und eines Ausgreifens der kulturellen Angebote und Formate in auf den ersten Blick eher kulturferne gesellschaftliche Räume und Bereiche migrantischer Milieus, des Wirtschaftslebens, der Jugendszene, des Vereinslebens und des Sports. Ich bin meinen Landräten Dirk Gaerte und Stefanie Bürkle, dem Kreistag und zahllosen Mitstreitern sehr dankbar, dass ich bei dieser kulturellen Weitung 20 Jahre lang über das Kreiskulturforum und thematisch wechselnde jährliche Kulturschwerpunkte experimentieren und – zugegebenermaßen – durchaus wechselvolle und gleichwohl stets wertvolle Erfahrungen mit unzähligen Begegnungen und gemeinsamen Projekten sammeln durfte. Im besten Fall kann das gemeinsame kulturelle Begegnen und Betätigen zur Erfahrung der Selbstwirksamkeit in der Gesellschaft, zum Aufbau von Vertrauen und Austausch über sonst wenig durchlässige gesellschaftliche Schranken und Grenzen hinweg beitragen und damit vielleicht ein erster Schritt sein für die Übernahme einer gemeinsamen Verantwortung für die Gestaltung und Fortentwicklung einer freien, gerechten, solidarischen und friedlichen Gesellschaft vor Ort und global.

Ich habe mich bei meinen historiografischen und kulturellen Bemühungen und Unternehmungen stets als Netzwerker gesehen. Es war mir immer bewusst, dass ich als Einzelkämpfer wenig ausrichten und erreichen kann und nur Kooperation und Austausch einen nachhaltigen Ertrag gewährleisten. Nahezu alle meine Projekte und Aktivitäten – Vortragsreihen, Tagungen, Veröffentlichungen, Ausstellungen, Auftritte und Aufführungen – sind im engen Zusammenwirken mit anderen – Forscherkollegen, Heimat- und Kulturvereinen, Kunstschaffenden, Musikern, Literaten, Schauspielern und Kulturbegeisterten – zustande gekommen. Es ist kein Zufall, dass ich, abgesehen von meiner Doktorarbeit, kein einziges meiner Bücher als Alleinautor produziert habe, sondern stets als Herausgeber und Coautor an der Seite zahlreicher Mitstreiterinnen und Mitstreiter firmiere. Es sind auch gerade diese stetigen und fruchtbaren Begegnungen und der damit verbundene anregende Austausch, den ich nach meinem Ausscheiden aus der aktiven Berufstätigkeit vor zwei Jahren am meisten vermisst habe, während ich den Abschied von den mit meinem Amt als Kulturbeamter verbundenen bürokratischen und organisatorischen Verpflichtungen eher leichten Herzens verkraften konnte.

Nachdem ich das Glück und die Chance hatte, meine persönlichen Neigungen und Leidenschaften in der historischen Forschung und kulturellen Vermittlung in einer Erwerbstätigkeit auszuleben und mithin mein Hobby sozusagen zum Beruf zu machen, bedeutete der Eintritt in den Ruhestand nur für die behördliche und administrative Seite meiner Arbeit eine Zäsur und einen Abschied. Forschung und Vermittlung in Geschichte und Kultur dagegen konnte und kann ich fortführen – nunmehr allerdings weithin auf mich selbst gestellt und nicht mehr als Vormann eines engagierten und erfahrenen Teams tüchtiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und in einem dichten Netzwerk von zahlreichen Kollegen und Mitstreitern im Landkreis und in der Region. Die angenehme Seite an meinem neuen Status ist das Privileg, mir meine Themen in der Forschung und Vermittlung und den Takt meiner jetzt freiberuflichen und ehrenamtlichen Auftritte und Veranstaltungen nach Neigung, Interesse und Kräften auswählen zu können – mit mehr Zeit und Muße für meine Familie sowie für die Menschen, denen ich freundschaftlich verbunden bin.

Es ist mir ein Herzensanliegen, meine Rede mit einem großen Dank an Wegbegleiter und Mitstreiter zu schließen, deren Beistand und Unterstützung mein heute geehrtes berufliches und ehrenamtliches Engagement überhaupt erst möglich gemacht haben:

  • Zunächst sind dies meine geschätzten Landräte Dirk Gaerte und Stefanie Bürkle, die ihrem eigenwilligen und zu Widerspruch neigenden Mitarbeiter die Freiräume für seine Projekte und Vorhaben eingeräumt und ihn eher selten auch behördlich eingehegt haben.

  • Dankbar bin ich den politischen Gremien und Repräsentanten, insbesondere dem Kreistag und den Bürgermeistern im Landkreis, für die fraktionsübergreifende politische Rückendeckung für meine Initiativen und Unternehmungen insbesondere bei der Erforschung und Vermittlung der Abgründe der NS-Herrschaft sowie beim Auf- und Ausbau einer demokratischen Erinnerungskultur. Stellvertretend will ich den Bürgermeister meiner Wahlheimat Inzigkofen, Bernd Gombold, und die Kreisräte Hermann Brodmann und Klaus Burger begrüßen.

  • Mein von Herzen kommender Dank gilt meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen ich es mit meiner Umtriebigkeit und rastlosen Projektenschmiederei oft nicht leicht gemacht habe, die mir gleichwohl vielfach über Jahrzehnte verlässlich und kompetent zur Seite gestanden sind und mir erforderlichenfalls auch Grenzen aufgezeigt haben. Ich freue mich sehr, dass viele von Euch und Ihnen heute dabei sind.

  • Wesentlich für mein historiografisches und kulturelles Wirken waren das Kreiskulturforum und die Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur, denen ich über 22 bzw. 15 Jahre als Geschäftsführer dienen durfte. Als langjährige Wegbegleiter begrüße ich Nikolaus Mohr und Gerhard Fetscher für das Kreiskulturforum und Prof. Dr. Andreas Schwab und Dr. Elmar L. Kuhn für die Gesellschaft Oberschwaben. Gerne ich habe ich mich als Beiratsmitglied, mit Vorträgen und Veröffentlichungen auch in den Hohenzollerischen Geschichtsverein eingebracht, für den Georg Loges heute dabei ist. …



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