Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Peter Weiss


Peter Weiss

März 2018

Peter Weiss
Epitaph über Hodanns Leben

Den siebten Oktober Neunzehnhundert Sechsundvierzig war er in Rorschach. Im nieselnden Regen ging er die Uferpromenade entlang, vom See war nichts zu erkennen. Hinter dem Geländer erstreckte sich schwimmendes Gewölk, es war, als befände er sich auf der Kuppe eines hohen Bergs. Es war seine Absicht gewesen, die Columban Kirche und das Benediktiner Kloster aufzusuchen, jeder Schritt des Wegs, den er vor zehn Jahren zusammen mit Traute, zurückgelegt hatte, war ihm noch deutlich in der Erinnerung, dennoch hatten sich die alten Bauwerke nicht wiederfinden lassen. In der nebligen Dunkelheit, die ein paar Laternen kaum zu durchbrechen vermochten, blieb er am Straßenrand stehn, stützte sich auf die Knäufe der Geländerpfosten. Die nassen dicken Rundungen verursachten in den Handflächen ein unangenehmes Gefühl, das sich auf Gaumen, Kehle und Brustkorb fortpflanzte. Er ließ jedoch die Kugeln nicht los, weil er sonst abgestürzt wäre. Nur mit Mühe erinnerte er sich, daß hinter der Kante nicht ein Steilhang, sondern das mit dem Himmel verfließende Wasser lag. …

… immer war der Süden seine Hoffnung gewesen, …

Er fand Kraft, sich abzustoßen von den Pfosten, stand, unsicher, auf den Pflastersteinen, zwischen denen Grashalme wuchsen. Er wußte nicht, welche Richtung er einschlagen sollte, um zurück zum Hotel zu kommen, doch da traten sie aus dem Dunst schon auf ihn zu, es gab immer noch Leute, die nach ihm suchten. …

Sie waren, im sprühenden Regen, am Gemäuer der Columban Kirche vorbeigekommen, so hatte er sein Ziel doch nicht so weit verfehlt, einen gelblichen Flecken sah er aus dem Stein schimmern, da er sich verschob, glich er zuerst einem kriechenden Wespenschwarm, wurde dann zu einem aufgeweichten, zerfledderten Zettel, auf dem sein Name stand. Einige Sekunden lang war wieder der Sommertag nah, der See war blau gewesen, viel Grün gab es ringsum, das Benediktiner Kloster, sagten sie, auf seine Frage, läge weiter entfernt, am Rand des Bergs, und er spürte die Kühle im Kreuzgang, durch den er mit Traute ging. ……

Die Ahnung von Leichtigkeit, die ihn zuvor, an dem verhangnen See, angerührt hatte, öffnete sich nun ganz, plötzlich war es luftig um ihn, …

… er war matt gewesen beim Antritt der Weiterreise, hatte vor sich hin gedöst bis Romanshorn, der Regen war versiegt, doch schwarze Wolken hingen noch niedrig über dem Bodensee, …

… es gab ein alltägliches Dasein, in dem alles seinen Gang hatte, und in dem immer wieder, im Augenblick der Gefahr, einige Namenlose hervortreten würden, … es gab das immerwährende und zermürbende Gewöhnliche, mit dem Aufstehn am Morgen, dem Einschlafen abends, dem Weg zur Arbeit, der Arbeit, dem Rückweg, dem Essen, der Ruhe, und es gab die Besinnung, die Zusammenfassung, den Reichtum bei der Verknüpfung des Gegenwärtigen mit allem Vergangnen, … und dann sagte er doch zu Traute, ehe er weiterreiste, … er sei glücklich gewesen.

Peter Weiss: Notizbücher 1971-1980. Frankfurt: Suhrkamp, 1981 (es 1067), S. 898-925

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