Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Peter Renz


Februar 2015

Peter Renz: Vorläufige Beruhigung. Roman. München: Heyne, 1982 (Neue Literatur 16).

I.   Herbstzeitlose

      1.  Leise Vorahnung

… alle diejenigen nochmal zusammenzurufen, die hier vor Jahren eine Bewegung in Gang gebracht hatten, in der wir alle ganz entschieden andere geworden waren. Die große Zeit. 9

Es gibt keine Wiederholung der Geschichte. Da saßen wir nun fest in dieser oberschwäbischen Kleinstadt, nahe dem Friedhof und glaubten seit einigen Jahren schon, einfach überleben zu können. … Die Zukunft war uns verschmolzen zu einer ins Nichts verlaufenden Landstraße, an deren Rändern sich Einfamilienhäuser reihten wie lautlose Vereinbarungen mit kommenden Generationen.  21f.

Eine Chance haben wir hier oder nirgends. 23, 469

      2.   Die Behandlung

Eine Seelenlandschaft ist das. Nordwestliches Allgäu, zwischen Wangen, Wolfegg und Waldburg. Längst noch unentdeckt. Wie geschnitzt aus weichem Holz und nachher mit Wald und Wiesen überbröselt. 27

      3.   Ratschläge

      4.   Ein Entschluss wird gefasst

Vernissagen in Oberschwaben und anderswo sind wie selbstausgelöste, sanfte Beriesellungen, ein mediterranes Klima zwischen Stellwände, in dem Lebenshungge wie in seichten Lagunen daherschwimmen. Ausschreitungen jeglicher Art wären denkbar. Aber mit Stil. 90

Vernissagen waren ja sonst meine Stärke. Auf einen Blick sagen können: hier bewegt sich die Kunstszene um einige Zentimeter, wenaigestens in die Breite, Variation, Differenzierung, da konnte ich ungemein weltoffen sein, Oberschwaben als Spiegel der Märkte von Köln bis New York beschwören, Zuckerglasuren anrühren, während ich, Notizen machend, durch die Ausstellungsräume schritt, den Galeristen alle Begeisterungsfähigkeit abtrotzte, gönnerhaft mitschwärmte, die Sonderdrucke für Weihnachten und Ostern bedenkend. 91

In dem Gedränge entdeckte ich viele der namenlos scheinenden Vernissagenbesucher wieder, die wir von zahlreichen ähnlichen Anlässen her kannten, diese Brigade der fünfzig Aufrechten, die dem kulturellen Unverstand und der Ignoranz der häuslebauenden Oberschwaben, die nur Oberkrainer kannten und Rudi Carell, Fasnetumzüge und Fronleichnamsprozessionen, dieser dürftigen Bluftfreitagsfestlichkeit in hartnäckigem Kampf ein unausrottbares Fähnlein kunstbeflissener Edelleute entgegenstellte: der feinsinnige Kulturhaufen. Diese Leute schienen ganz vernagelt zu sein in ihr kunstvolles Harakiri. Angesichts einer Inflation von Gesangvereinen, Bauerntheatern, Schützengilden und Fußballclubs draußen in den Kleinstädten und Dörfern besangen sie die in letzter Instanz sich doch noch durchsetzen werdende reine Kunst, ein pluralistisch vielstimmiger Kanon, den Kulturamtmann Schneuz an diesem Abend mit neuen Modulationen sozialdemokratischer Kulturpolitik zaghaft zu erweiterten Polyphonien ausbaute. … Damit war der Abend ja wohl gelaufen. Bekannte sah ich jetzt genug. Man schaute sich kurz an, stellte fest, dass man auch hier war, nickte dieses dezente, fast an Nachdenklichkeit erinnende Nicken und verschwand wieder im Gedränge. 96-98

Endinger plante scheinbar eine Ausstellung oberschwäbischer Altmeister. Wenigstens hier unten sollte man ihm wohl zuhören. Ich verstand aber nur Namen und Satzfetze: traditionsbewußte Malerei, endlich einmal wieder ins Bewußtsein heben, Landschaften, langsam sah ich zu diesem Lasso hinüber, ins Bewußtsein heben, das bleib ein paarmal hängen, Bräckle, Henning, individuelle Handschaft, dann sprangen mich die Kerzenlichter an, zweimal, von der Seite, während sich das Lasso, offenbar angeregt durch Endingers ausschwärmende Vokabeln, wie ein indisches Seil nach oben schlängelte, … 103

      5.   Annäherung

II.  Wintermärchen

      6.   Überprüfung

      7.   Wechsel

Sie diskutierten gerade über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, hier in Oberschwaben heimisch zu werden. Ein Evergreen-Thema. … überboten sich ein Rheinländer und ein Norddeutscher in den besten Charakterisierungen der oberschwäbischen Mentalität. Stur kam dabei häufig vor, verschlossen, obrigkeitsgläubig, überhaupt noch sehr katholisch, … Da war ich also hierhergekommen, um Oberschwaben zu rechtfertigen, so dachten die sich wohl meinen Beitrag zu ihrer Runde: bescheiden und gottesfürchtig alle Fehler dieses Volksstammes einzugestehen. … In wohltuend unernstem Ton erzählte mir ein Überlinger, der vier Semester in Marburg studiert hatte, jetzt aber in München promovieren werde, in welcher historischen Landschaft ich eigentlich lebe: Reichsstädte, Bauernkrieg, Barock. Besonders der Bauernkrieg, … wenn man sich vorstellte, dass gerade die Altdorfer jenen historischen Augenblick erlebt hatten, in dem die Geschichte wirklich zu verändern gewesen wäre: der Truchseß praktisch schon geschlagen. Nur die Uneinigkeit der aufständischen Bauern, ihre mangelnde Zuversicht in die eigene Kraft! Es gebe doch keine notwendigen historischen Gesetzmäßigkeiten, das müsse mir als Oberschwaben ganz besonders deutlich geworden sein. 233f.

Die Eingeborenen hier wüßten ja nichts mit ihrem Bodensee anzufangen, meinte ein Reiseunternehmer aus Düsseldorf, so ein ideales Freizeitgelände, und noch nicht mal für den Touristenverkehr erschlossen. Das werde jetzt aber anders, meinte einer aus Stuttgart, man plane schon entsprechende Trassenführungen, quer durchs Deggenhauser Tal, vierspurige Autobahn, dann werde der Anschluss an das übrige Straßennetz vollzogen sein. Mit knapp zwei Millionen könne man rechnen, zahlende Gäste. … Kongresszentren entstünden, große Hafenanlagen für künftige Segelregatten., Hotels mit bisher unbekannten Kapazitäten. Und Freizeitzentren, ergänzte der Düsseldorfer, wenn man so wolle: zum ersten Mail eijentlich Gultur. Man müsse halt schauen, wo man bleibt. Entweder für oder gegen diese Gesellschaft? Nisch? 234f.

Was ist das noch: Heimat? 269

      8.   Masken

Sind wir noch in Oberschwaben? Altdorf, überhaupt die Provinz, das Regionale, sind konservativ, hinterwälderisch, ein fast schon vergessenes Terrarium, in dem wir den Anschluss an die große Geschichte suchen. 312

      9.   Schellen

Wir stehen da wie Hinterbliebene. Das oberschwäbische Gefühl. 363

    10.   Weiter Bemühung

    11.   Auf neue Entfernung

In Oberschwaben, in der Provinz hier, gab es praktisch nie eine wirklich emanzipatorische Bewegung, eine Bewegung also im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschritts. Alle Bestrebungen waren geschichtlich bisher solche, die auf den Bestand der Provinz gerichtet blieben. In Ruhe überleben. 408

III.  Fest

Ich glaube fast, … die Oberschwaben und Allgäuer verarbeiten die gesellschaftlichen Zwänge auf ganz besondere Weise, die werden einfach härter getroffen, als andere, sind feinsinniger, sensibler, und auch ein bißchen wehleidiger. Das schlägt viel mehr aufs Gemüt bei uns. Und auf den Magen. Weil wir eigentlich sinnliche Menschen sind. Ganz katholisch, aber auch ganz diesseitig. Wenn wir bloß dürften, wie wir wollten. Deswegen trifft uns halt jeder Schlag gegen die Seele viel heftiger. Als Reaktion darauf bauen wir dann. Häuser. Mit denen wollen wir aller Welt beweisen, wozu wir trotzdem noch fähig sind. 457

Welt, die Sprünge macht, nicht wir. Oberschwäbisches Gefühl. … Was ist das noch: Heimat? Das Alte vergessen.  470

 

 

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