Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Jochen Kelter


Jochen Keller

August 2015

Jochen Kelter: Vom allmählichen Verschwinden der Gegend.
Das Ende der Region, des Regionalismus und des sozialen und intellektuellen Austauschs.

… Was unser Region betrifft, …. Sie ist das Herz Alemanniens, eine der Wiegen des mittelalterlichen südlichen Mitteleuropas, verlorene Gegend zwischen Drumlins, Tobeln, Höhenzügen, Föhnalpen und Wassern des Schwäbischen Meers, Grenzland, Peripherie, vergessener Traum, schemenhafte Utopie einer Völkerverbindung, eines Völkerübergangs, einer kulturellen Verzahnung, auseinandergeschnitten, provinzialisiert, neu zusammengeklebt, zersiedelt und von andernorts geplanten Verkehrsachsen durchschnitten, von Touristen beschneit und heimgesucht von Busausflüglern, die den Süden suchen und hierherum von solchen, die es in den Norden verschlägt, an die Grenze zum Reich, Vorort des Unsäglichen, des schlechten Kaffees, der Pappbecher und Schwaben. …

Mit diesem Wasser, das trennt. An dem alles anlangt und aufhört. Die Sprache, die Lust und die Eisenbahn. Elan, Währung, Fahrplan und Gewohnheit. Die Wolken stehen hoch in einem gleichgültigen Himmel, der seine wechselnden Farben und Schatten über dem brauen und sattgrünen Land, den frühlingsgrünen, gelbroten und kahlen Wäldern gleichgültig aufs Wasser hinab schickt, dessen Tönungen sich rascher ändern als unsere Tage. Ein ewig sich wiederholendes Spiel unbegrenzter Farbschattierungen, wo wir nicht in Nebel wie in echolose Watte verpackt sind. Diesem Land sind wir gleichgültig und benötigen Jahre und veränderte Lebensumstände, um zu begreifen, dass es uns ebenfalls gleichgültig geworden ist. Provinz übelster Art. Schimäre. Aufenthaltsort nur noch weniger Freunde. Dass ich gehen, die Gegend verlassen sollte. Wohin? Paris? Die großen Städte? Italien? Die Einsamkeit auf dem Land? Unser Kontinent ist voller faszinierender Orte und Gegenden und arm an Heimatorten geworden.

Bis in sehr ferne Zeiten, deren Echo beinahe gänzlich verklungen ist, reicht der literarische Ruhm der Region. Zu den Mönchen der Reichenau und des Klosters St. Gallen. Walahfrid Strabo, Notker Balbulus, Heinrich Seuse. Sogar Wolkenstein, der wüste Barde aus dem Tirol südlich der Alpen, hat sich hier, zumindest auf der Durchreise, aufgehalten wie später Montaigne. Den Kurtisanen des Konzils, ihren Beischläfern und den angereisten italienischen Humanisten. Da ist die Schweiz schon de facto gemacht und der Thurgau weggebrochen. Später dann schläft die Stadt Konstanz den langen Schlaf einer vorderösterreichischen Landstadt, und die Gegend ist intellektuell reduziert und zerschnetzelt in Herrschaften und Duodeztümer. Seit den schrittweisen und überfälligen Flurbereinigungen des 19. Jahrhunderts war sie, wechselnd oder zugleich und ihrem mittlerweile verschlagen idyllischen Charakter entsprechend, Arkadien, Rückzugsland, Exil, Aufbruchgegend. Da waren zunächst die Droste auf der Meersburg, der Bistumsverweser Wessenberg in Konstanz – es wurde abgewickelt zu jener Zeit – und der reaktionäre Herr von Lassberg, fürstlich fürstenbergischer Emigrant in der Schweiz und Prägermanist de renommée, der den Thurgau in dem Moment verließ, als der sich 1837 eine Verfassung gab. So ging’s hier eigentlich durchgängig zu bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhundert. Da waren indes vorher noch die Bohème am Bodense im thurgauischen Uttwil und jene, die der freiherrliche Schriftsteller Emanuel von Bodman in seine Bleibe im thurgauischen Gottlieben lud, die heute das einzige Literaturhaus der Region beherbergt, sowie die illustre Besatzung der psychiatrischen Klinik Binswanger in Kreuzlingen. Rückzugsgebiet auch für Ott Dix im Faschismus und während des Zweiten Weltkriegs.

Rückzug und Peripherie allemal. Als ich Ende der Sechzigerjahre an den Gestaden des Bodensees eintraf, wollte ich sogleich wieder von hier fort. Die hohen Wolken über der ungemein heiteren, der melancholischen Landschaft: Alles zwischen Himmel und Erde schien mir vor allem ungeheuer eng und kaum genug Luft zum Atmen zu bieten. In Paris und Berlin entschied sich vielleicht unsere Zukunft. … Das Neue statt des Alten. Durchzug statt erstickter Luft, Lebenslügen und verlogener politischer Moral. …

Und dann kam, wie im Traum, den wir nie zu träumen gewagt hatten, die Region zu ihrem Recht. Und zu Wort. Traditionen, Strukturen, Verbindungen waren vorhanden oder ergaben sich. Und der Geist des Regionalismus als sanftere, der Gegend gemäßere und geläuterte Schwester des Geists von achtundsechzig wehte von außen herein und setzte rasch Samen und trug Früchte. …

In der Überschaubarkeit von Strukturen, die beinahe immer mit Personen und Personengruppen deckungsgleich waren, entstand in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine Literatur, die sich hier ihre Wurzeln suchte, für die ein Martin Walser und andere den Boden bereitet hatten. Ich denke beispielhaft an die Gedichte von Hans Georg Bulla und Peter Salomon, die Romane, Erzählungen und „Heimattexte“ von Hermann Kinder, die Gedichtsammlung „Das Kattenhorner Schweigen“ von Werner Dürrson, die Mundarttexte des verstorbenen Michael Spohn, der sein oberschwäbisches Idiom in einer nicht tümelnden Weise benutzte wie kaum ein zweiter, die ersten Bücher des weiter den Rhein hinunter lebenden Romanciers Markus Werner. Dazu die ersten Versuche junger Leute, die heute, indes kaum noch in der Region, zum festen Inventar der politischen und der Kulturszene zählen, des St. Galler Schriftstellers Christoph Keller oder des Thurgauer Journalisten und Autors Stefan Keller. Eine Literatur, die im Kontext entstand von politischem Handeln, journalistischer Intervention, literarischem Diskurs, universitären Debatten, informeller und, jawohl, privilegierter Kommunikation. … Es gab Debatten, Streit, Gespräche, Lesungen, die, wie wir meinten, bewegten: die Köpfe und die Meinungen. Die Grundierung der Existenz von Menschen, die sowohl in einem umfassenden Sinn politisch wie literarisch interessiert waren und eines solchen Klimas als Humus der Existenz und Lebensgrundlage bedürfen.

Dies alles ist seither verweht und verstummt. Das Ende kam schleichend und unmerklich, kaum konnte man rekonstruieren, wann und in welcher zeitlichen Abfolge. Ein Verlag machte Bankrott, eine Zeitungsredaktion hörte auf wie dann später, man nahm es beinahe nicht einmal mehr zu Kenntnis, ihre Nachfolger aufhörten. Einer verließ die Gegend, ein anderer zog sich hinter seinen Schreibtisch, ein dritter aus der Gesellschaft der übrigen zurück. An die Stelle der verzweigten und durchlässigen Szene sind längst Grüppchen und Nischen getreten. Plötzlich sind wir zurückgeworfen auf das nur noch Eigene, ohne oder beinahe ohne menschliche und intellektuelle Kommunikation. Der soziale Organismus, der einmal existiert hat, scheint fortgeweht vom Föhn. Die Debatten sind verstoben, die handelnden Personen ebenfalls … Das Netz ist zerrissen. Und bei Versammlungen und Zusammenkünften tönt es, wie einst, pompös provinziell nach dilettantischem Ritual, auf das sich alle Provinz im Reflex gern zurückzieht. Wir sind nicht verschont geblieben. Die Herbstnebel, die tristen Wintertage erreichen uns rasch und verscheuchen die Illusion, wir seien anders als die Fremden, die den See und seine Landschaft sommers nur kurz befahren, in südlicher Begünstigung gehalten, sozusagen durch geografische Kondition seelisch unversehrbar. …

Eine Seele, weder eine individuelle noch eine kollektive, lässt sich, außer beim Teufel, nicht kaufen. Derart reiht sich unsere Gegend, unsere Region, unser Landstrich, der sich kartografisch, historisch und politisch nur schwer verorten lässt, vielmehr eine Idee ist, ein Licht vielleicht, eine Atmosphäre oder Seelenlandschaft, ein in das Schicksal anderer historischer Räume, die, ich denke an Triest und Friaul oder das Elsass, ebenfalls wie Wolken schweben und ohne Vertäuung in den Köpfen, aber auch im jeweils anderen, Fremden nichts sind. Die, wie die unsere, ihre vermeintliche Seele zur Schau stellen, um eine Oberfläche, eine Außenansicht statt ihrer selbst zu bewahren, die sie zu anderen Zeiten besessen haben. Eine wahrhafte Seelenwanderung, die Wanderung der Seelen ins Nichts.

Jochen Kelter: Der Sprung aus dem Kopf. Essays und Texte 1981-2011. München: Allitera, 2012, S. 118-126.

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