Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Günther Nenning


Günther Nenning

August 2018

Deutscher Stolz, deutsche Dummheit

NATIONALMASOCHISMUS. Der deutsche Selbsthass als Kehrseite des deutschen Hochmuts und warum die Deutschen (auch) stolz sein können.

Günther Nenning

Ich wundere mich über das deutsche Gerede, "stolz, ein Deutscher zu sein". Ach, was seid Ihr doch kompliziert. Ich bin einfach stolz, ein Österreicher zu sein und basta. Jeder darf stolz sein auf ein Land, auf das stolz zu sein sich lohnt. Macht doch nicht so einen Krampf. Wollt ihr den Stolz, ein Deutscher zu sein, wirklich den rechtsextremen Jung-Dummis überlassen?

Der richtige Stolz auf das richtige Land ist ein Kunstwerk aus der Tiefe der Seele. Da kannst du´s nicht machen wie die etruskischen Eingeweidebeschauer. Sie behielten fürs Opfer die gesunden Teile der Leber, die kranken und hässlichen Teile warfen sie weg. Die deutsche Leber ist ein Ganzes aus Schön und Scheußlich, kein Teil darf davon weggeworfen werden, jeder muss beschaut werden.

Der derzeitige Deutsche ist ein doppelter Hysteriker. Was schön ist an der deutschen Geschichte, wirft er weg, und was scheußlich ist an ihr, beschaut er mit Unablässigkeit, bis er schließlich ein Deutscher ist, dem vor allen Deutschen graut.

Ich kann das gut nachvollziehen. Der Österreicher hat ja ohnehin die historisch fundierte Neigung, dass ihm alles Deutsche ein Grauen ist. Aber das ist trotzdem falsch. Die Deutschen sollten aufhören, Nationalmasochisten zu sein. Die aufgeklärte Meinung, Deutscher zu sein, gehört sich nicht, bedarf der Aufklärung über sich selbst.

Was sollen, liebe Deutsche, Eure Inquisitionstribunale, die alles Deutsche auf dem intellektuellen Scheiterhaufen braten? Was sollen die Geislerprozessionen, auf denen sich die Deutschen alles Deutsche aus Leib und Seele prügeln? Der deutsche Selbsthass ist nur die Kehrseite des deutschen Hochmuts.

Die Deutschen sind Neurotiker. Sitzend auf dem Richterstuhl der österreichischen Gelassenheit prophezeie ich die baldige Wende zurück zum deutschen Hochmut. Und wäre ich nicht gelernter Austrobuddhist, müsste mich der kommende deutsche Hochmut mehr beunruhigen als der deutsche Selbsthass, mit dem es bald vorbei sein wird.

Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Die Deutschen diskutieren, ob sie auf Deutschland stolz sein dürfen. Ich sehe voraus, dass die Debatte beim deutschen Stolz enden wird. Die Wiedervereinigung von deutschem Stolz und deutscher Dummheit steht bevor.

Deutsche Dummheit wäre es, nicht wahrzunehmen, dass Deutschland Vormacht in Europa ist, und im Westen Junior-Power hinter Superpower; "partner in leadership" ist die gängige Formel des State Departments.

Deutschland ist so mächtig wie noch nie in seiner Geschichte, einschließlich der Hitlerzeit, die allen Hasses wert ist. Da ist es eigentlich wunderbar und ganz das Gegenteil von Stolz, der mit Dummheit auf einem Holz wächst - dass sich die Deutschen wehren gegen die ihnen vom Lauf der Dinge aufs Aug gedrückte Größe Deutschlands, sei sie nun angeblich oder wirklich. Ich vermute und fürchte ja, dass sie wirklich ist.

Deutschland ist so mächtig wie noch nie - und Deutschland ist so demokratisch wie noch nie. Zwar ist die einzig demokratische Definition von Demokratie, dass Demokratie nie genug demokratisch ist - aber es bleibt doch positiv, dass es ein Deutschland wie dieses noch nie gegeben hat.

Von ihrem superschnellen Wachstum haben die Deutschen ehrenwerte Wachstumsschmerzen. Ihre Rolle als Vormacht in der Europäischen Union fällt in eine Zeit, in der die Union verblüffend wenig uniert ist. Die Zentrifugalkräfte wachsen auf politischem Felde umgekehrt proportional zu den Zentripetalkräften auf wirtschaftlichem Felde. Während der Euro zur Fessel wird, die sich nicht mehr abstreifen lässt, feiern zugleich die nationalstaatlichen Gefühle fröhliche Urständ - auch bei den Deutschen.

Stalin war ein Bluthund, aber klug; die Mischung ist gar nicht selten unter den Großen der Weltgeschichte. Stalin sagte bekanntlich: "Die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben bestehen." Zur Stalinschen Klugheit gehört insbesondere, dass er in seine Bestandsgarantie nicht nur das deutsche Volk hineinnahm, sondern auch den deutschen Staat.

Den gibt es, und zwar so schön und hässlich wie Staaten eben zu sein pflegen. Das demokratische Prädikat ist ihm zu erteilen, mit Nachsicht mancher Taxen. Aber seien wir doch hübsch übermütig: Reicht das für deutschen Stolz?

Ich möchte die Deutschen aufhetzen zu höherem Ehrgeiz als Demokratie zu sein und Vormacht und nicht dumm zu sein, sondern ihre wieder hergestellte historische Rolle auch zu akzeptieren. Deutschland, wie hältst du´s mit dem Sozialismus?

Ich meine, dass der deutsche Selbsthass auch deshalb unsinnig ist, weil die deutsche Geschichte, außer der üblichen Niedertracht, auch eine Geschichte des Sozialismus ist. Zwar hat auch der historische Sozialismus Anteil an der historischen Niedertracht - wie denn auch nicht.

Aber es ist das Land, das außer Goethe und Brecht und so weiter auch Marx und Engels hervorgebracht hat, und die stärkste Sozialdemokratie, und einen Kommunismus, den man nun, nach dem Scheitern beider, mit hineinwerfen kann in den großen roten Topf und kräftig umrühren und schauen, ob nicht vielleicht doch noch was draus wird.

Hier angelangt, öffnet sich keine Aussicht als auf ein Nebelmeer. Oder darf es wahr sein, dass der Papst in Wahrheit der letzte Sozialist ist, der sich getraut auszusprechen, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer?

Der Kapitalismus ist so stark wie noch nie in seiner Geschichte. Der Niedersturz der Sowjetunion, jener finsteren Diktatur, gab dem Kapitalismus den letzten Zuwachs an Stärke und frevelhaftem Übermut, der uns gerade noch fehlte zur Letztverfinsterung des neuen Millenniums.

Der Bankrott alles bisherigen Sozialismus hat seinen tiefsten Grund im Atheismus, der den Menschen als Gott seiner selbst auf den Thron setzt. Doch der Kapitalismus tut desgleichen, und die Gottgleichheit des hierfür ganz ungeeigneten Menschen trägt ganz schreckliche Früchte. Sozialismus und Kapitalismus sind Zwillingsbrüder im Atheismus. Es ist die alte, rätselhafte Erfahrung: Die einen Gottlosen gehen zugrund, die anderen Gottlosen gedeihen.

Bis auf weiteres. Ich glaube an Wunder. Ohne Wunder lässt sich die Geschichte gar nicht in Gang halten. Indem sie sich weiterbewegt, bringt sie ihre eigene Aktualität hervor, die der Aktualität eines geistlosen Zeitgeistes immer wieder gänzlich und glücklich entgegengesetzt ist.

Ich habe keine Ahnung, was die Deutschen in ihrer Geschichte noch zustande bringen werden und ob aus dem Schoße dieses so hochbegabten wie hochkriminellen Volkes auch noch ein neuer Sozialismus hervorkommen wird. Derzeit schaut es nicht so aus.

Was aus dem Schoße der Globalisierung kommen wird, weiß ich ebenso wenig. Dieser letzten und brutalsten Blüte des Kapitalismus traute ich alles zu und gar nichts. Den stärksten Widerstand gegen die Gleichschaltung des Globus vermute ich bei den Volkskulturen. Sie sind allseits, in der Dritten Welt wie in der unseren, in keinem guten Zustand, schwer angeschlagen vom Kapitalismus. Aber sie sind immer noch die Gebärmütter.

"Die Großen haben überhaupt keine Seele. Muss ich meine Wahl treffen? Dann schwanke ich nicht: Ich will Volk sein." - La Bruyère, der alte Aufklärer, hat heute so Recht wie damals, 1688.

Volk steht hier für Widerstand gegen seelenlose Obrigkeit; für Entscheidung, wo man steht; für Heimat finden im Eigenen. Auch wenn die Dummis vom Großfeuilleton aufjaulen, kann man darauf getrost stolz sein.

Quelle:

Der Freitag 6. 4. 2001



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