Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Friedrich von Gentz


Oktober 2015

Friedrich von Gentz

1806

„Eine lange Reihe von Jahren hindurch hatten die Verführer eines leichtgläubigen Zeitalters keine Kunst unversucht gelassen, um die wenigen, die kühn genug waren, den Vorhang hinweg zu ziehen, der die Schrecknisse der Zukunft bedeckte, zu verspotten oder verdächtig zu machen, und gerade die Grundsätze zu empfehlen, die jede Aussicht auf ein Besseres verschlossen. Man solle doch nur, so lehrten sie, fein ruhig und kaltblütig und friedfertig und vor allen Dingen untätig bleiben; der ausgetretene Strom werde schon von selbst wieder in sein Bett zurück kehren; … vorderhand sei nun nichts weiter zu fürchten und die Zeit werde das übrige tun. Dieser einschläfernden, verräterischen Lehre gab das Publikum, gaben die Regierungen sich preis. Unter den Ursachen unseres heutigen Verderbens ist ihr Einfluss der wirksamste gewesen: denn aus diesem ging der größte Teil der unzusammenhängenden Entwürfe, der unzulänglichen Maßregeln, der politischen und militärischen Fehler hervor, denen wir das Unglück verdanken. Nachdem … durch die Untauglichkeit und Ohnmacht eines auf unsicherem Boden entstandenen, aus lockeren, widerstrebenden Materialien gebrechlich zusammengefügten Rettungsversuches das Unglück zu einer Riesengröße heranwuchs, nahmen die, welche es durch jene treulosen Beruhigungsgründe genährt und begünstigt hatten, ihre Zuflucht zu einer neuen Sophisterei, um ihre Betrogenen mit dem zu versöhnen, was zu verbergen unmöglich geworden war. Geleugnet kann nun nicht mehr werden, dass die oft verlachten Weissagungen gerechtfertigt, in überschwenglicher Klarheit erfüllt sind, … Dies alles ist so schauervoll klar, dass niemand mehr verwegen genug sein kann, es den blödesten Augen zu entziehen; aber die Vorratskammer der Täuschungen ist darum noch immer nicht erschöpft. Was man nicht mehr als Grille verachten, als Fabel beiseite setzen darf, wird jetzt als erträgliches Übel oder wohl gar als Vorteil geschildert. Und auch mit dieser verzweifelten Wendung hält der Leichtsinn des Zeitalters Schritt. Wer heute noch Mut hat, die herrschende Stimmung des Tages, die politischen Gespräche, den Ton der Gesellschaften, den Gang und die Richtung des öffentlichen Urteils als aufmerksamer Beobachter zu verfolgen, wird bald die Überzeugung gewinnen, dass … die Masse des Publikums in zwei Klassen geteilt ist, wovon die eine die Begebenheiten dieser alles verzehrenden Zeit mit Gleichgültigkeit, die andere mit Wohlgefallen betrachtet.“

Zitiert nach: Golo Mann: Friedrich von Gentz. Gegenspieler Napoleons, Vordenker Europas. Frankfurt: Fischer, 1995, S. 166-167.

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