Elmar L. Kuhn

Fundstücke - Arno Borst


Arno Borst

Dezember 2014

Arno Borst: Mönche am Bodensee 610-1515. Sigmaringen: Thorbecke, 1978 (Bodensee-Bibliothek 5)

Ich setze mich mit den Mönchen zusammen und auseinander, ich stelle ihnen meine Fragen und lege ihre Antworten auf moderne Weise aus. Ihre Stimmen sind leise und undeutlich, oft muß ich das, was sie sagen, ergänzen und zuspitzen; aber ich hüte mich, sie zu überschreien, denn noch ihr Widerspruch klingt matt und müßte mich deshalb doppelt beschämen. Dieses Verfahren, Tote als Mitmenschen anzunehmen, ist nicht neu und sehr simpel, aus beiden Gründen für moderne Gelehrte nicht leicht akzeptabel. …

Ich halte Mönchtum und Universität nicht bloß für Überbleibsel veralteter Institutionen in der modernen Welt, Askese und Bildung nicht bloß für Ideologen der Ewiggestrigen. Das können sie werden, das müssen sie nicht sein. … Ich finde beide in ihrem Anspruch bedenkenswerte Beispiele, wie Menschen freiwillig ein geformtes Leben miteinander führen können. … Ich möchte die Nachdenklichen unter meinen Mitmenschen bloß auf eine fremde Welt hinweisen, die einigen von uns Wichtiges zu sagen hätte, wenn wir zuhören wollten.  …

Eines der Ziele der Mönche, das sie erreichten, war die Gestaltung menschlichen Zusammenlebens; das ist unsere Aufgabe auch. Wir verfehlen sie bestimmt, wenn wir ständig nur in die Nebel der Zukunft starren und keine Klasse der heutigen Gesellschaft so rücksichtslos unterdrücken wie die Toten. Außerdem sind morgen wir die Toten, dann sind unsere Zukunftsträume nichts weiter als alte Geschichten. 17

Was uns abhanden kam, ist die Beständigkeit unterwegs. …Von den Toten sprechen, um über die Zukunft frei zu verfügen. 389

Arno Borst: Zwei mittelalterliche Sterbefälle. In: Merkur 34, 1980, 11, S. 1081-1098.

… Vorsorge für Zukunft und Erinnerung an Vergangenheit … sind nicht als ein und dieselbe Verantwortung der lebenden Minderheit vor der Mehrheit der Ungeborenen und Abgestorbenen zugelassen, höchstens als zweierlei Moden des Zeitvertreibs. … Wenn wir, jeder für sich und alle zusammen, die Sterblichkeit ernster nähmen, könnten wir heiterer leben. Dann sprächen uns Menschen aus dem Mittelalter unmittelbar an. … Sie haben ein bescheidenes und langlebiges Glück gestiftet, die Sympathie derer, die sterben werden, mit denen, die gestorben sind. 1098

Arno Borst: Ein Totengespräch. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Jahrbuch 1982, II, S. 71-78.

… worauf wir hinaus wollten, von der Hinnahme des Unvermeidlichen zur Herstellung des Denkbaren. 73

Alle Wissenschaft drehe sich um den ganzen Menschen, der aus Leib und Seele bestehe, und erfordere ungeteilte Hingabe und Sorgfalt, „diligentia“ und „curiositas“. … Aus Liebe unterscheiden und aus Sorge heilen, daher komme und dahin führe Wissenschaft.

… Poesie und Historie. – Jawohl, solche Kunstgebilde könnten keine Anweisungen zum täglichen Handeln erteilen, jedoch zu Haltungen erziehen, die den Bestand des Gemeinwesens über den Tag hinaus verbürgten. – Den Wunsch Jacob Burckhardts mache er sich gern zu eigen: „Nicht sowohl klug für ein andermal als weise für immer werden.“ 75

Arno Borst: Was uns das Mittelalter zu sagen hätte. Über Wissenschaft und Spiel. In: Konstanzer Blätter für Hochschulfragen 25, 1987, 2, S. 5-17.

Die Minderheit der jetzt Lebenden, die von ihrem Lärm berauscht oder betäubt durch die Arena läuft, sollte nicht vergessen, daß ihr auf den Rängen eine riesige Mehrheit still zusieht. Die Toten können uns nichts befehlen, ihre schlafenden Rechte nicht einklagen: Das Sagen haben wir. Allein ihr Schweigen stellt uns die Frage: „Wir haben euch auf der Flöte vorgespielt, wir haben Klagelieder gesungen – habt ihr nichts gehört?“ Unsere Menschlichkeit sollte stabil, unsere Phantasie mobil genug sein, um ihnen zu antworten: „… wir wollen es uns gesagt sein lassen: Seine eigene Geschichte gewinnt nur, wer mit den Vorangegangenen redet und mit den Nachkommenden rechnet.“ 15

Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters. 2. Aufl. München-Zürich: Piper, 1990 (Serie Piper 1183)

Ich erfuhr am eigenen Leib beides: daß die Befassung mit Vergangenheit von Erfordernissen der Gegenwart abhält und trotzdem zu einem erfüllten Leben beiträgt. Wer nicht jeder Mode seiner Zeit blind nachlaufen will, braucht einen Blickpunkt außerhalb der Gegenwart, der ihm Abstand erlaubt; aber wer ferne Zeiten durchschauen will, muß auch feststellen, wo er selber steht und was ihn unausweichlich betrifft. 9

Geschichte wird hier als Versuch des Menschen verstanden, in einer stets verwirrenden Gegenwart ihr Zusammenleben so einzurichten, daß es einer stets bedrohlichen Zukunft standhalten und eine stets unbewältigte Vergangenheit abschließen könnte. … Erinnerung, Wahrnehmung und Erwartung, mithin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zueinander, nicht in ihren Antworten, aber in ihren Fragen. 11

Geschichte der Heimat kann uns, wenn sie als Beispiel verstanden wird, konkret zeigen, was Jahr für Jahr geschehen und was daraus geworden ist. Trösten kann sie uns, daß frühere Menschen es nicht leichter hatten und trotzdem nicht verzagten. Hoffen läßt sie uns, daß es gelingen könnte, und wäre es bloß für ein paar Augenblicke und im Kreis der Unsrigen, einige Schritte weiterzukommen, nicht zu dem vollkommenen Leben, immerhin zu einem vollkommeneren. Geschichte kann in dürftigen Zeiten lehren, …: Nüchternheit, um die Gegenwart zu erkennen, und Tapferkeit, um sie zu meistern. 154

Historie kann uns daran hindern, unsere wandelbaren Zustände abstrakt zu nehmen und unsere beschränkten Absichten absolut zu setzen; sie kann uns aus dem Sattel unserer Zeitbegriffe heben und auf den Boden stellen, auf den weiten Boden menschlicher Möglichkeiten. 173

Historisches Denken würde weder alles Vorhandene behaupten noch alles Machbare durchsetzen, jedoch einiges Vorläufige erproben. 611

Huizinga hat von der Gelehrtenrepublik erwartet, was unsere barbarische Zeit dringend braucht: Pflege der geistigen Formen, die uns zu Mitmenschen der Gegenwärtigen, Vergangenen und Zukünftigen machen. 614

Arno Borst: Ritte über den Bodensee. Rückblick auf mittelalterliche Bewegungen. Bottighofen: Libelle, 1992.

Vorwort

… uns Geschichte Glaubwürdigeres zu sagen hat, wenn wir den Toten nicht als Besserwisser von Beruf, sondern als geplagte Zeitgenossen begegnen. Von der Zukunft wissen wir nicht mehr als sie, die Vergangenheit bewältigten sie so wenig wie wir. 10

Der Bodensee. Geschichte eines Wortes. 1982

Der gemeinsame See zwischen den Ländern gehörte der Beschaulichkeit: ewig wiederkehrende Natur, endgültig vergangene Geschichte, zeitlos träumende Poesie. Das Wort „Bodensee“ selbst war Abglanz dieser in sich versunkenen Welt. 75

Am Bodensee stürmt auf die Anwohner immer wieder anders Geschichte ein, mehr Geschichte, als sie verkraften können. …

Durch allen Wandel hindurch vollzieht sich am Bodensee eine zusammenhängende Geschichte. Eines ihrer Kennzeichen ist gewiß die wechselnde Mannigfaltigkeit der Zuordnungen zwischen Mittelmeer und Ostsee. Ein anderes Kennzeichen ist jedoch die europäische Reichweite der Einwirkungen. … Daß alle diese Einflüsse nicht bloß wie Frühlingsgewitter vorbeizogen, sondern langfristige Nachwirkungen hinterließen, kann nicht an den Wechselbädern von Natur und Geschichte liegen. Es muß an der Bedächtigkeit der Menschen liegen, daß ihr Land nicht zum Raum ohne Eigenschaften verkommen ist und ihr Himmel nicht als letzte Klammer über den Ufern steht.

Die Menschen am  See haben sich keiner Anregung hartnäckig verschlossen, geben sich aber auch keiner haltlos hin. Sie haben sich hier niedergelassen, können aber das Ihre immer wieder loslassen. Sie haben ein solides Land der Mitte kultiviert, dulden aber als zentralen Ort nur das bodenlose Wasser. … Das ist ein Modell geschichtlichen Verhaltens, ein Gegenmodell zum europäischen in Vergangenheit und Gegenwart: Mitten im hitzigsten Erdteil eine gemäßigte Zone, mitten im entschiedensten Wandel ein fortgesetzter Schwebezustand, mitten im Wirbel von Natur und Geschichte etwas menschliche Gelassenheit. 77-79

Der Bodensee konnte ebenso gut eine Barriere am Rande wie eine Brücke in der Mitte sein; selbst wenn er sich eigenwillig abkapselte, brauchte er Zuwendung nach draußen und Zustrom von draußen. …

Denn die Landschaft rund um den Bodensee wuchs nie von innen zusammen, … sie wurde stets von außen zusammengefaßt, …

Ungeachtet aller Gemeinsamkeiten blieben die kleinen Zentren des Miteinanderlebens voneinander geschieden. Nur alle zusammen bildeten sie eine zentrale Landschaft und standen bloß dann in der Mitte Europas, wenn sie nach allen Seiten ausblickten. …

Zugereiste und Einheimische hielten die Spannung zwischen Sehnsucht nach dem weiten Himmel und Liebe zu dem Fleckchen Erde gemeinsam durch, weil sie wußten, daß wir alle beides zugleich sind, ansässig und unbehaust, und alle eines brauchen, Beständigkeit unterwegs. 239-241

Mein Bodensee. Verhaltene Annäherung, 1980

Wie soll eine Gesellschaft zusammenhalten, die ihre Geschichte nicht in der Hand hat? … als Ersatz für die fehlende Eintracht der Gesellschaft die Identität mit verklärter Natur und Geschichte gesucht wird. … eine Utopie vom Himmelreich auf Erden. Mit ihr läßt sich leben, wenn man nicht ganz vergißt, daß sie aus Träumereien besteht. … Träume sind hier so nötig wie das tägliche Brot, weil die sozial Wirklichkeit so diffus ist. 410

… Geschichte als Gespräch mit Nachbarn. 411

Arno Borst (Hg.): Der karolingische Reichskalender und seine Überlieferung bis ins 12. Jahrhundert. Hannover 2001 (MGH Libri memoriales 2).

Zu den Zeitgenossen des 8. bis 12. Jahrhunderts zog mich Widerwille gegen Zerstreuung des verdinglichten Daseins, Vorliebe für Verdichtung der Zeit, der eigenen und der fremden, der vergangenen und der zukünftigen. Die Weisung, Zeit als Leihgabe an die Menschen „wahrzunehmen“, das heißt zu sehen, zu hüten und zu nutzen, spricht aus … meiner Ausgabe. V

Arno Borst: Meine Geschichte. Hg. Gustav Seibt. Lengwil: Libelle, 2009.

Tradition und Reform würden sich, so glaubte ich, leichter am Bodensee miteinander verbinden, in Konstanz, das nahe bei Italien, fast noch im Mittelalter lag und trotzdem eine fortschrittliche Universität aufnehmen sollte, …  35

Historisches Denken würde weder alles Vorhandene behaupten noch alles Machbare durchsetzen, jedoch einiges Vorläufige erproben. 36

Vor lokalem Stumpfsinn schützte Geschichte als Gespräch mit Nachbarn, die vor Zeiten hier wohnten. 45

… durfte ich fortan beim Lesen und Schreiben jeden Morgen dort weitermachen, wo ich am Abend zuvor aufgehört hatte, in Freiheit, nicht in Einsamkeit. Zwar vermisste ich die Diskussionen mit den Kollegen …; aber die toten hatten mehr mitzuteilen und weniger einzuwenden. 54f.

Wenn sich die aktuelle Perspektive änderte, blieb die gelehrte Lesart davon nicht lange unberührt; Historiker leben in ihrer Gegenwart. Das entbindet sie nicht von der Pflicht zu handwerklich sauberer Arbeit an den Überresten der Vergangenheit. Aber auch sie bringt ihnen bei, dass keiner der jetzigen und der früheren Aspekte das ganze geschichtliche Leben umfasst, jeder es nur in Bruchstücken spiegelt. Was sie leisten können und müssen, ist lebenswichtig genug: dem vielstimmigen Gespräch der vor ihnen Gestorbenen zuzuhören und es für die nach ihnen Geborenen aufzuzeichnen.  …

Immer mehr zum Leitmotiv meiner Lebensgeschichte geworden ist und das unsere ratlose Zunft, ja, unsere barbarische Zeit im dritten Jahrtausend dringender als je zuvor braucht: Pflege der geistigen Formen, die uns zu Mitmenschen der Gegenwärtigen, Vergangenen und Zukünftigen machen. 80f.

 

Copyright 2017 Elmar L. Kuhn