Elmar L. Kuhn

Von Hemigkofen und Nonnenbach zur Gemeinde Kressbronn


Verhärtete Fronten

Für einige Jahrzehnte scheint man dann halbwegs leidlich nebeneinander hergelebt zu haben. Der unmittelbare finanzielle Druck wurde etwas leichter und während der guten landwirtschaftlichen Konjunkturen im späten 19. Jh. konnten sich beide Gemeinden von ihren Schuldenlasten befreien. Die Bevölkerung nahm insbesondere nach dem Eisenbahnanschluss um die Jahrhundertwende zu. Langsam wuchsen die beiden Orte entlang der Hauptstraße zusammen.

Eine atmosphärische Annäherung hatte das offenbar kaum zu Folge. Die Fronten blieben verhärtet. Der Sohn des Schultheißen Maier warf der Nachbargemeinde; eine „kurz- und gewinnsüchtig,. um nicht zu sagen verbrecherische Gemeindepolitik“ vor, die zuließ, daß das Seeufer verkauft werde an „fremde Aufkäufer“. Und sein Vater war empört, „daß durch solche Verkäufe der See dem Volk genommen würde“.

Als 1912 der Hemigkofer Schultheißenstuhl unbesetzt war, unternahm der Tettnanger Oberamtsmann wieder einen Vorstoß. Er argumentierte wieder: „Die geographische Lage der Gemeindebezirke Hemigkofen und Nonnenbach läßt es auffallend erscheinen, daß es sich um zwei besondere Gemeinden handelt. So sind auch Hemigkofen und Nonnenbach in einer solch nahen Lage gegeneinander, daß niemand hier an zwei Gemeinden denken würde, wäre dies nicht auf Ortstafeln angedeutet. Häuser links der Straße gehören zu Hemigkofen, rechts der Straße gegenüberliegende zu Nonnenbach. Gemeindeangehörige von Hemigkofen haben ihre Wohngebäude auf Hemigkofer Markung, ihre Ökonomiegebäude auf Nonnenbacher Markung.“ Allerdings war seine Schlußfolgerung falsch: „Infolge dieser geographischen Lage sind die Interessen der beiden Gemeinden und ihrer Angehörigen in vielen Beziehungen gemeinsame“.

Als der Plan des Oberamtsmanns in Nonnenbach bekannt wurde, reagierte der Gemeinderat dort „unziemlich“, wie der Oberamtmann dem Ministerium meldete. „Die Stimmung der Bürgerschaft gegen die beabsichtigte Aufhebung der Selbständigkeit der Gemeinde sei eine sehr gereizte“, schrieb der Schultheiß und der Gemeinderat beschloss „die unabänderliche Erklärung, unter keinen Umständen zu einer Eingemeindung die Zustimmung zu gehen“. Bei einer Versammlung in Nonnenbach konnte der Oberamtmann die Gemüter zum Schluss nur dadurch dämpfen. daß er „des Geburtsfestes ihrer Majestät der Königin gedachte“ und die Anwesenden „in das ausgebrachte Hoch beigeistert einstimmten“. Auch die Hemigkofer hielten angesichts der Stimmung in Nonnenbach „die Angelegenheit zur Zeit für noch nicht genügend spruchreif“. Die Regierung begnügte sich damit, das Oberamt zu beauftragen, „die Vereinigung der beiden Gemeinden fortgesetzt im Auge zu behalten“.

Die gegenseitige Zuneigung wurde sicherlich durch das Verhalten der Gemeinde Hemigkofen beim Bau des heutigen Rathauses und seinerzeitigen gemeinsamen Schulhauses nicht gefördert. Hemigkofen bestellte schon mal das Baumaterial und begann den Bau gegen den Widerspruch des Nonnenbacher Gemeinderats, dem dann nichts anderes übrig blieb, als das Gebäude mit zu nutzen, ein Miteigentum aber ablehnte. Die Gemeinde Hemigkofen wurde damals von Schultheiß Grall geleitet, einer ähnlich dynamischen und energischen Persönlichkeit wie ein halbes Jahrhundert zuvor der Schultheiß Maier.

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